Tag 6 / 6

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Nach 5 Tagen beenden wir an diesem Freitag die kleine Heimatrunde und folgen auf der Rückfahrt von der Landeshauptstadt Stuttgart nach Mannheim dem Neckar.

Bild 6-1: Über die südliche Zuwegung (vorbei am LBBW-Gebäude) gelangen wir zu den Bahnsteigen des Stuttgarter Hauptbahnhofs. An Stelle des Bonatzbaus steht Reisenden der schwarze Klotz als Warteraum zur Verfügung – wenigstens gibt es überhaupt einen!
Bild 6-2: Wegen der Sperrung der Stammstrecke der S-Bahn wenden an den Gleisen mit den niedrigen Gleisnummern einige S-Bahn-Linien.
Bild 6-3: Wir nutzen auf der ersten Fahrt des Tages jedoch die „große“ Eisenbahn 😉

Stuttgart 21 soll dank digitaler Stellwerkstechnik einer der modernsten Bahnknoten Europas werden. Daher werden die Tunnelstrecken ausschließlich mit dem Zugsicherungssystem ETCS ohne ortsfeste Signale ausgestattet. Fahrzeuge, die nicht mit ETCS ausgerüstet sind, können also nicht in den Tunnelbahnhof einfahren. Leider hat man in der ersten Runde der Neuausschreibung von Verkehrsverträgen in Baden-Württemberg teils versäumt, ETCS-fähige Fahrzeuge zu fordern bzw. zu bestellen. Daher wurden in den letzten Jahren einige Neufahrzeuge ohne ETCS im Raum Stuttgart in Dienst gestellt, zu denen auch die FLIRT von Arverio gehören. Damit die auch nach der Eröffnung von Stuttgart 21 noch eingesetzt werden können, ist ein zeitaufwändiger Umbau der Fahrzeugtechnik erforderlich. Die Triebwagen, die gerade diesen Umbau durchlaufen, sind also erst einmal länger außer Betrieb. Zum Schließen der entstehenden Lücken im Fahrzeugeinsatz hat Arverio einzelne Umläufe der Linien RE 8 und RE 90 an einen Subunternehmer abgegeben. Das Unternehmen TRI Train Rental fährt deshalb u. a. einen Umlauf des RE 8 mit einer Garnitur n-Wagen. TRI hat sich auf Ersatz- und Sonderverkehre spezialisiert und betreibt diese überwiegend mit Gebrauchtfahrzeugen, die das Unternehmen jedoch bei Bedarf restauriert und in einem guten Zustand hält.

Bild 6-4: Der betagte, aber gut in Stand gehaltene TRI-Ersatzzug steht als RE 8 nach Neckarsulm bereit.

Eigentlich fährt der RE 8 von Stuttgart nach Würzburg. Wegen einer Baustelle in Osterburken ist die Linie aber in den Sommerferien geteilt. Zwei Züge pendeln zwischen Stuttgart und Neckarsulm über Heilbronn und zwei weitere Züge pendeln zwischen Lauda und Würzburg. Auf dem Abschnitt Heilbronn – Lauda besteht Schienenersatzverkehr. Ein Schnellbus fährt jeweils direkt von Heilbronn nach Lauda, während ein zweiter Bus, der alle RE-Halte bedient, ab Neckarsulm startet. Da aber auch im Knoten Stuttgart noch Baumaßnahmen statt finden, ist der Pendel Stuttgart – Neckarsulm fast den ganzen Tag auf die Teilstrecke Bietigheim-Bissingen – Neckarsulm reduziert. Reisende müssen zwischen Stuttgart und Bietigheim-Bissingen auf die S-Bahn ausweichen. Glücklicherweise gibt es zur HVZ früh eine Ausnahme und unser RE 8 startet bereits um 8:08 im Stuttgarter Hauptbahnhof 😉

Bild 6-5: Der Zug befährt bis Heilbronn die Frankenbahn, die Stuttgart und das „Schwabenländle“ mit dem fränkischen Würzburg verbindet. Die Strecke folgt dem Lauf des Neckar, wobei viele Schleifen über Tunnel abgekürzt werden. Bei Lauffen kommt die Strecke dem Fluss dennoch nahe.
Bild 6-6: In Heilbronn leert sich der Zug, der in Kürze in die Nachbarstadt Neckarsulm weiterfährt und dort Anschluss an den „langsamen“ SEV herstellt.

Heilbronn ist die Stadt mit dem höchsten Durchschnittseinkommen in Deutschland. Das liegt aber nicht daran, dass hier viele wohlhabende Menschen leben – nein, es reicht ein einziger super-reicher Mensch, um die Statistik so stark zu verzerren. In Heilbronn lebt Dieter Schwarz, (früherer) Geschäftsführer der Schwarz-Gruppe, die u. a. die Einzelhandelsketten Lidl und Kaufland umfasst. Sein Vermögen wird auf über 60 Mrd. € geschätzt, womit er als reichste Person Deutschlands gilt. Obwohl er selbst kaum in der Öffentlichkeit auftritt, gilt er in seiner Stadt als Gönner. Neben finanzieller Unterstützung bei der Umgestaltung der Innenstadt engagiert sich Schwarz insbesondere im Bereich Forschung und Lehre. So finanzierte seine Stiftung u. a. die Einrichtung des experimenta – Science Center (ein Wissenschaftsmuseum). Zudem war die Schwarz-Stifung maßgeblich am Ausbau des Bildungscampus Heilbronn beteiligt, zu dem u. a. die Hochschule Heilbronn, die örtlichen Standorte der DHBW und des Fraunhofer-Instituts sowie eine Außenstelle der TU München gehören. Das neuste Projekt ist ein „Innovationspark für künstliche Intelligenz“. Da der weitab der Stadt entsteht, soll zudem eine urbane Seilbahn zwischen experimenta, Bildungscampus und Innovationspark eingerichtet werden. Trotz des Innovationsgeistes in der Stadt gibt es dort aus touristischer Sicht nicht besonders viel zu sehen, sodass wir unsere Reise ohne Aufenthalt fortsetzen. Für Bahnfans wäre hier noch interessant, dass Heilbronn in das Karlsruher Modell eingebunden ist – aber das haben wir an den beiden Tagen zuvor schon porträtiert 😉

Bild 6-7: Der RE stellt auf der Frankenbahn das schnelle Angebot dar. Das Grundangebot mit allen Unterwegshalten zwischen Heilbronn und Bietigheim-Bissingen bildet der MEX, der mit Hamstern im Landesdesign gefahren wird. Die Triebwagen gehören der Landesanstalt für Schienenfahrzeuge (SFBW) und werden für die Dauer des Verkehrsvertrags an das durchführende EVU vermietet. Ihre Halterkennung lautet entsprechend „D-LAEND“ 😉
Bild 6-8: Unser Anschlusszug, der RE 10 A in Richtung Mannheim, ist auch ein Hamster – aber einer in ungewöhnlicher Farbgebung 😉

Auch die Hamster der SFBW, die lange von der SWEG Bahn Stuttgart GmbH (und jetzt seit einigen Tagen von DB Regio) genutzt wurden, müssen für Stuttgart 21 mit ETCS ausgerüstet werden. Hier sieht die Strategie für Ersatzfahrzeuge jedoch vor, die Flotte zeitweise um angemietete Fahrzeuge zu erweitern. Durch glückliche Fügung sind aktuell einige Talent 3 frei: Die ÖBB hatte einen Beschaffungsvertrag mit ALSTOM (bzw. bei Bestellung noch Bombardier) in Folge von Lieferverzögerungen storniert. Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten Fahrzeuge der Bestellung jedoch schon gebaut. Diese Triebwagen bietet ALSTOM jetzt zur Miete bzw. zum Kauf an. Sie dienen somit teilweise als ETCS-Ersatzflotte in Baden-Württemberg. Die Außenfarbgebung und das Innenraumdesign entspricht den Standards der ÖBB – die Fahrt ist dadurch deutlich bequemer als mit den landeseigenen Hamstern.

Schon kurz nach der Abfahrt ertönt eine Durchsage, dass der Zug heute nicht bis Mannheim fährt, sondern bereits in Heidelberg endet. Grund: Das Stellwerk in Heidelberg ist defekt – mal wieder… In letzter Zeit kommt es häufiger zu Stellwerksausfällen in Heidelberg, sodass der Bahnhof dann nur noch aus manchen Richtungen oder gar nicht mehr angefahren werden kann.

Bild 6-9: In Bad Friedrichshall verlassen wir die Frankenbahn und folgen über die Neckartalbahn weiter dem Neckar, auf dessen anderer Seite die Stadt Bad Wimpfen über dem Tal thront.
Bild 6-10: Neckar bei Haßmersheim. Der Ort befindet sich links, der Bahnhof rechts des Neckar. Die Verbindung zwischen Stadt und Bahnhof stellt der Neckarsteg (rechts im Bild) her.
Bild 6-11: Neckartal bei Zwingenberg in Baden – nicht zu Verwechseln mit dem nahen Zwingenberg bei Bensheim in Hessen 😉
Bild 6-12: In Eberbach legen wir eine Pause ein. Der RE 10 A hält hier alle 2 Stunden. Im Wechsel mit dem RE 10 A verkehrt zweistündlich der RE 10 B, der zwischen Bad Friedrichshall und Neckargemünd nicht durch das Neckartal, sondern über Sinsheim fährt.

In Anbetracht der Zeit wollte ich auf jeden Fall einen Aufenthalt im Neckartal mit einplanen. Vor sehr vielen Jahren – da war ich noch im Kindergarten – machten meine Eltern mit mir einen Ausflug in die Nachbargemeinde Hirschhorn. Ich hatte deshalb erst überlegt, dort hin zu fahren, finde es dann aber doch bequemer, den Zwischenhalt direkt am RE-Bahnhof Eberbach einzulegen 😉

Bild 6-13: Nicht weit vom Bahnhof beginnt der Aufstieg auf den Ohrsberg, den Hausberg von Eberbach.
Bild 6-14: Ohrsbergturm
Bild 6-15: Aussicht vom Turm auf die Stadt (der Bahnhof läge rechts vorne hinter dem bewaldeten Hügel)…
Bild 6-16: …das Neckartal flussabwärts in Richtung Heidelberg…
Bild 6-17: …und die westlichen Ortsteile. Wer ganz genau hinsieht, findet in diesem Bild den Zug 😉
Bild 6-18: Zurück am Bahnhof zeigt sich der Zug aus größerer Nähe. Ein zweiteiliger Itino der VIAS fährt gleich als RB 82 über die Odenwaldbahn nach Frankfurt. Die RB 82 verkehrt auf diesem Abschnitt (der eine Landesgrenze überschreitet…) nur im 2-Stunden-Takt.
Bild 6-19: Häufiger fährt die S-Bahn Rhein-Neckar. Wegen der Stellwerksstörung hat dieser Zug der S 1 aber rund 30 Minuten Verspätung. Sein Fahrtziel, den Bahnhof Seckach, wird der Zug deshalb nicht mehr erreichen. Zur Reduzierung der Verspätung wendet die S-Bahn vorzeitig in Mosbach-Neckarelz.
Bild 6-20: Aus dieser Richtung kommt kurz darauf ein pünktliches Quietschie-Doppel als S 2 nach Kaiserslautern.
Bild 6-21: Wir setzen die Fahrt flussabwärts fort und passieren hier Hirschhorn. Hirschhorn gehört wie die Nachbargemeinde Neckarsteinach zu Hessen. Aus diesem Grund ist auch der linksseitige Stadtteil Ersheim (im Bild ebenso links), der auf einer Art „Halbinsel“ in einer Neckarschleife liegt, dem Bundesland Hessen zugehörig – als einzige Gemeinde links des Neckar.

Während der Fahrt wird die Stellwerksstörung in Heidelberg für beendet erklärt. Der Zug wird also, wenn auch mit Verspätung aufgrund des Rückstaus zwischen Heidelberg und Mannheim, bis nach Kaiserslautern durchfahren.

Bild 6-22: Die nächste Gemeinde in Baden-Württemberg ist die Kleinstadt Neckargemünd. Dort steigen wir am Haltepunkt Neckargemünd Altstadt aus dem Quietschie aus.
Bild 6-23: Die beschauliche Altstadt von Neckargemünd.
Bild 6-24: Neckarufer in Neckargemünd. Stromabwärts sind es nur noch wenige Kilometer bis nach Heidelberg.
Bild 6-25: Neckargemünd wird bereits wieder von der RNV bedient, mit der wir unsere Reise vor 6 Tagen begonnen haben. Die Buslinie 35 verbindet Neckargemünd mit der Innenstadt von Heidelberg. Die RNV setzt auf dieser Linie ihre neusten Fahrzeuge im Busbereich, die „BZ-REX-Busse“, ein.

Die Abkürzung „BZ-REX“ steht für „Brennstoffzelle-Reach Extender“. Die Fahrzeuge vom Typ eCitaro FuelCell G sind vom Grundprinzip erst einmal „herkömmliche“ Elektrobusse mit Akku, der im Depot geladen wird. Sollte der Strom jedoch im Laufe eines Betriebstages zu Neige gehen, wird die Brennstoffzelle aktiviert. Mit Hilfe von in einem Tank mitgeführtem Wasserstoff wird elektrische Energie erzeugt, die den Akku während der Fahrt auflädt. Der Wasserstoff muss als Betriebsstoff ebenfalls regelmäßig im Depot nachgetankt werden. Durch das Wasserstoff-Modul können die Busse bei der Reichweite mit Dieselbussen mithalten.

Bild 6-26: Der Regionalverkehr ist aber noch fest in der Hand fossil betriebener Busse. Zwei Wagen im VRN-Design warten vor dem Bahnhof von Neckargemünd auf Umsteiger von der S-Bahn.
Bild 6-27: Im Gleisvorfeld nähert sich ein Mireo der Linie S 5 aus Richtung Sinsheim den Bahnsteigen.

Wir haben aber keine Eile, diesen Zug noch zu bekommen, denn in kurzem Abstand folgt der S 5 eine (gemäß Liniennetzplan) „Sprinter-S-Bahn“ RE 5. Wie bereits erwähnt fährt der RE 10 zweistündlich wechselnd durch das Neckartal oder über Sinsheim. Zur Verdichtung des Angebots nach Sinsheim wird die zweistündliche Taktlücke auf der Relation Heidelberg – Sinsheim durch einen RE 5 gefüllt. Aufgrund der Trassenverfügbarkeit endet der in vielen Fällen jedoch schon in Neckargemünd, wo Fahrgäste auf den RE 10 A aus dem Neckartal umsteigen können. Vormittags fährt der RE 5 zweimal Fahrlage bis nach Heidelberg durch. Um 11:52 profitieren wir damit von einer Direktverbindung zum nächsten Zwischenziel, dem Bahnhof Heidelberg-Altstadt.

Bild 6-28: Ein einzelner Mireo als RE 5 hat gerade in Heidelberg-Altstadt gehalten und verschwindet gleich im Schlossbergtunnel in Richtung Heidelberg Hbf.
Bild 6-29: Der Bahnhof hieß bis vor einigen Jahren noch Heidelberg Karlstor.

Das sorgte bei meiner Mutter, mit der wir vor 10 Jahren auf den Heidelberger Weihnachtsmarkt gefahren sind, für Verwirrung. Wo sei denn bitte dieser Bahnhof Heidelberg Altstadt? Davon habe sie noch nie gehört (und sie hat jahrelang in Heidelberg gearbeitet – bei der Bundesbahn wohlgemerkt). Als wir dann angekommen sind, war die Sache für sie klar – und ich wurde darüber aufgeklärt, dass „Karlstorbahnhof“ auch heute noch ein gängiger Begriff im Heidelberger Jargon ist 😉

Heidelberg sticht wie eine Perle in der Rhein-Neckar-Region hervor. Während Ludwigshafen eher schäbig daher kommt und auch Mannheim den Charme einer funktionalen Arbeiterstadt versprüht, ist Heidelberg eine Stadt der Wissenschaft und des Tourismus. Mit der Ruprecht-Karls-Universität befindet sich die älteste Universität Deutschlands in Heidelberg, die seit über 600 Jahren einen durchgehend Lehrbetrieb leistet. Aber auch moderne Forschungseinrichtungen wie das Max-Planck-Institut oder das European Molecular Biology Lab sind in Heidelberg angesiedelt. Für Touristen besticht Heidelberg mit der historischen Altstadt, die den 2. Weltkrieg unbeschadet überstanden hat, sowie der Ruine des Heidelberger Schlosses.

Bild 6-30: Blick vom Karlsplatz auf die Schlossruine. Das auffällige Gebäude im Vordergrund beheimatet die Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Bild 6-31: Der Aufstieg zum Schloss ist zu Fuß über einen langen Treppenweg oder über mehrere Serpentinen möglich – oder mit der Bergbahn 😉
Bild 6-32: Die Heidelberger Bergbahnen verbinden die Altstadt mit dem Schloss, der Umsteigestation Molkenkur und dem Königstuhl, der höchsten Erhebung im südlichen Odenwald. Die Strecke ist dabei zweigeteilt Den unteren Teil der Strecke befahren moderne Wagen aus dem Jahr 2005. Auf der oberen Bergbahn kommen die historischen Originalfahrzeuge aus dem Jahr 1907 zum Einsatz.

Bild 6-32 zeigt, welcher Fahrschein für welche Fahrstrecke erforderlich ist. Die untere Bahn kann mit dem Schlossticket; die obere mit dem Königstuhlticket genutzt werden. Für die Gesamtstrecke ist das Panoramaticket erforderlich. Schloss- und Panoramaticket beinhalten zusätzlich den Eintritt zum Schlosshof. Während Königstuhl- und Panoramaticket in zwei Varianten für einfache Fahrt oder Hin- und Rückfahrt angeboten werden, erlaubt das Schlossticket immer die Hin- und Rückfahrt. Wir benötigen heute für unsere einfache Fahrt den Berg hinauf bis zum Königstuhl demnach das Panoramaticket zur Einzelfahrt für 11,00 €. Fahrscheine für den regulären ÖPNV sowie das Deutschland-Ticket werden auf der Bergbahn nicht anerkannt und sie bringen auch keinen Rabatt auf die regulären Fahrscheine. Besucher sollten zudem Wartezeiten beim Fahrscheinverkauf in der Talstation und beim Umstieg zwischen den Bergbahnen einplanen – dazu kommen wir gleich noch 😉

Bild 6-33: 15 Minuten nach dem Einreihen in die Warteschlange vor den Fahrkartenschaltern und Fahrscheinautomaten schaffen wir es in die nächste Bahn zum Molkenkur. An der Zwischenstation Schloss kreuzen sich beide Wagen.
Bild 6-34: Nach gerade einmal 5 Minuten erreicht die untere Bahn schon ihre Zielstation Molkenkur. Bis hierher haben wir schon 500 Strecken- und 175 Höhenmeter zurück gelegt.

Die Molkenkur ist eine alte Kuranstalt, die auf den Ruinen der ehemaligen oberen Burg erbaut wurde. Heute befindet sich an der Zwischenstation der Bergbahn ein Hotel mit Restaurant. Fahrgäste müssen hier bergwärts von der neuen auf die alte Bergbahn umsteigen. Dabei gibt es leider einen kleinen Haken: Die obere Bahn fährt eigentlich nur alle 20 Minuten, also nur halb so oft wie die untere Bahn im 10-Minuten-Takt. Zudem ist das Fassungsvermögen der historischen Wagen kleiner.

Bild 6-35: Deshalb heißt es auch hier wieder: Anstellen!

Bei hohem Fahrgastaufkommen – so wie heute und wohl an fast jedem Tag in den Sommerferien – legt die obere Bahn zusätzliche Zwischenfahrten ein. Da die Fahrzeit ca. 9 Minuten pro Richtung beträgt, der Fahrgastwechsel aber meist länger als eine Minute dauert, entsteht so ein Fahrtenintervall von ca. 12 Minuten. Tatsächlich verkehrt die Bahn also an aufkommensstarken Tagen ohne festen Fahrplan nach dem Prinzip: „So oft es geht!“.

Bilder 6-36 und 6-37: Historischer Bergbahnwagen der oberen Bahn zum Königstuhl.

Um 12:15 hatten wir die Talstation erreicht, um 12:31 waren wir in der unteren Bahn und um 12:58 startet schließlich unsere Fahrt mit der oberen Bahn. Die historischen Fahrzeuge wurden 2005 umfangreich saniert und entsprechen heute trotz ihren Alters den neusten Sicherheitsvorschriften. Anlass der Sanierung war der Standseilbahn-Unfall in Kaprun 2000, der zu strengeren Sicherheitsstandards für Standseilbahnen führte, denen die Heidelberger Bergbahnen damals nicht entsprachen. Aus diesem Grund wurden auch Neuwagen für die untere Bahn angeschafft. Die Strecke der oberen Bahn selbst führt über einen Kilometer durch den Wald und endet an der Bergstation Königstuhl auf 550 m ü. N. N., rund 430 m höher als die Talstation Kornmarkt der unteren Bahn auf 113 m ü. N. N.

Bild 6-38: Um 13:07 erreicht unser Wagen die Bergstation und kehrt kurz darauf wieder in Richtung Molkenkur zurück, um den nächsten wartenden Fahrgästen die Bergfahrt zu ermöglichen. Im Hintergrund besteht Ausblick auf die Stadt 🙂
Bild 6-39: Der Königstuhl ist auch beliebter Ausgangspunkt für Gleitschirmflieger. Von dieser „Startrampe“ schauen wir hinab in die Rheinebene und sehen am Horizont bis zum rund 45 km entfernten Pfälzerwald. Der aufmerksame Beobachter bemerkt mittig links eine lange Linie in der Landschaft, die parallel zu der einige Kilometer entfernten Landebahn verläuft. Dabei handelt es sich um die Schlossachse – eine Sichtachse, die vom Königstuhl zur Kalmit (dem höchsten Berg im Pfälzerwald) führt und dabei genau durch das Schloss Schwetzingen führt. Sie war früher eine Verbindungsallee von Heidelberg nach Schwetzingen. Heute besteht die Strecke überwiegend aus Fuß- und Radwegen. Die Landebahn gehört übrigens zum nicht mehr genutzten Heidelberg Army Airfield der US Army, das heute als Veranstaltungsfläche dient.
Bild 6-40: Über der Bergstation befindet sich der Berg-Gasthof Königstuhl. Für den kleinen Hunger gibt es alternativ einen kleinen Kiosk.

Da die Fahrt mit der Bergbahn trotz der beeindruckenden Technik recht teuer war, bewältigen wir den Abstieg zu Fuß.

Bild 6-41: Ein langer steiniger Treppenweg, die „Himmelsleiter“, verbindet den Königstuhl direkt mit dem Schloss.

Obwohl die „Himmelsleiter“ gerade einmal 700 m lang ist, verliert der Treppenweg auf dieser Strecke um 300 m an Höhe. Habe ich es schon an mehreren Reisetagen bereut, die Wanderschuhe nicht mitgenommen zu haben, so gibt die „Himmelsleiter“ mir jetzt den Rest. Der Abstieg ist mit normalem Schuhwerk am Ende seiner Lebensdauer extrem anstrengend, da die Stufen in keinem regelmäßigen Abstand zueinander stehen und teils auch Verwitterungserscheinungen aufweisen. Da ich zudem keine Wanderstöcke nutze, wird das Körpergewicht ergonomisch ungünstig auf jeder neuen Stufe rein mit den Fußgelenken gebremst. Nach den 700 Metern kann ich deshalb erst einmal eine Weile nicht gerade Stehen und auch auf den ersten Metern danach fällt das Gehen schwer. Ich kann daher nur empfehlen, die Himmelsleiter eher für den Aufstieg als für den Abstieg zu nutzen – und falls letzterer angedacht ist, dann sollte entsprechendes Schuhwerk vorhanden sein. Zudem sollte man selbst bei ausreichender Kondition rund 20 Minuten für den Abstieg einplanen.

Bild 6-42: Am Ende der Himmelsleiter liegt das Heidelberger Schloss – oder das, was davon noch übrig ist 😉 Die Scheffelterrasse bietet einen guten Blick darauf…
Bild 6-43: …sowie auf die Altstadt.

Dorthin begeben wir uns nun hinab. Die letzten Treppenstufen zwischen Schloss und der Talstation der Bergbahn sind wesentlich angenehmer zu begehen und daher in wenigen Minuten überwunden.

Bild 6-44: Die Fußgängerzone von Heidelberg gilt mit 1,6 km Länge als die längste in Europa. Wir stehen gerade auf der Hauptstraße neben dem Rathaus (rechts des Bildausschnitts) und schauen auf die zentrale Heiliggeistkirche.
Bild 6-45: Über die in Bild 6-43 ganz rechts erkennbare Alte Brücke queren wir den Neckar und werfen dabei einen Blick zurück auf das Schloss.
Bild 6-46: Auch nördlich des Neckar geht es wieder in einen Aufstieg, nun auf den Heiligenberg. Die erste Etappe dazu ist der sogenannte „Schlangenweg“.

Der „Schlangenweg“ ist eine kleine gewendelte Gasse mit einigen Treppen, die die Alte Brücke mit dem Philosophenweg verbindet. Beim Philosophenweg handelt es sich um einen erhöhten Steig entlang des unteren Südhangs des Heiligenberges, der an vielen Stellen Ausblick auf das Schloss und die Altstadt ermöglicht. Der „Schlangenweg“ ist die schnellste Möglichkeit, aus der Altstadt zum Philosophenweg aufzusteigen. Von dort aus könnte man den Heiligenberg noch weiter hinauf wandern bis zur Thingstätte und der Klosterruine St. Michael – aufgrund unserer „Schuh-Krise“ verzichten wir aber darauf und gehen den Philosophenweg durch bis zu seinem Ende im Stadtteil Neuenheim. Dabei verlieren wir die auf dem „Schlangenweg“ gewonnenen Höhenmeter wieder, jedoch stufenfrei (und deshalb mit einem durchgehenden Gefälle von rund 15%).

Bild 6-47: Ausblick vom Philosophenweg auf Schloss, Scheffelterrasse (links daneben) und untere Bergbahn (rechts daneben), Königsstuhl (der Mast im Wald), Altstadt und Alte Brücke.
Bild 6-48: Zwischen Neuenheim (links) und dem zentralen Stadtteil Bergheim (rechts) queren wir erneut den Neckar.
Bild 6-49: Südlich der Theodor-Heuss-Brücke befindet sich der Kehranlage der Heidelberger Zentralhaltestelle Bismarckplatz. Im Gegensatz zu den Straßenbahnnetzen in Ludwigshafen und Mannheim verfügt das Heidelberger Netz über Kopfendstellen, sodass Zweirichtungsfahrzeuge zum Einsatz kommen. Gerade wendet eine 8-achsige Zweirichtungsvariante der Variobahn, die von der Linie 22 aus Eppelheim auf die Linie 23 nach Leimen übergeht.
Bild 6-50: Am Bismarckplatz, der leider noch Ausbaubedarf beim Thema Barrierefreiheit hat, setzen wir die Reise mit der OEG fort.

Die OEG, örtlich auch als „Ög“ bezeichnet, ist eine der 5 Gründungsgesellschaften der Rhein-Neckar Verkehrsgesellschaft (RNV). Die Abkürzung steht für die frühere Oberrheinische Eisenbahn-Gesellschaft und bezieht sich auf eine (unterbrochene) ringförmige Eisenbahnstrecke von Mannheim über Viernheim, Weinheim und Heidelberg zurück nach Mannheim mit einer Zweigstrecke von Mannheim-Käfertal nach Heddesheim. Die Schmalspurstrecken der OEG waren seit jeher mit den Straßenbahnnetzen von Mannheim und Heidelberg verbunden, welche die Lücken zwischen den Eisenbahn-Abschnitten schließen. Seit über 100 Jahren besteht daher ein durchgehender Betrieb zwischen Eisenbahn und Straßenbahn. Heute werden die Fahrten der Ringlinie in der RNV-Linie 5 dargestellt. Werktags verkehrt in beiden Richtungen alle 20 Minuten (in der HVZ sogar alle 10 Minuten) ein Zug als Rundfahrt, der für die Runde 140 Minuten benötigt. Auf Teilabschnitten wird das Angebot weiter verdichtet. Zum Einsatz kommen Zweirichtungsfahrzeuge der RNV.

Bild 6-51: Die Eisenbahnstrecke der OEG beginnt am Heidelberger Hauptbahnhof, verlässt die Stadt Heidelberg über den Stadtteil Wieblingen und führt anschließend durch die Felder der Rheinebene nahe Edingen-Neckarhausen.
Bild 6-52: Kurz darauf Kontrastprogramm in der Ortsdurchfahrt von Seckenheim (eingemeindet in die Stadt Mannheim). Hier verläuft die OEG im Straßenraum der Hauptstraße. An der Haltestelle Rathaus besteht ein kurzer Umsteigeweg zu den Bussen des Regionalverkehrs.
Bild 6-53: In Mannheim folgt die Strecke der Neckarpromenade.
Bild 6-54: Historisch endete die OEG aus Richtung Heidelberg im Bahnhof Mannheim Kurpfalzbrücke, aus Richtung Weinheim am Bahnhofsvorplatz vor dem Mannheimer Hauptbahnhof. Um die Ringlinie zu schließen, wurde 1995 eine Verbindungskurve zwischen der OEG-Strecke und dem Straßenbahnnetz am Collini-Center eröffnet. Unser Zug biegt gerade von der OEG auf das Straßenbahnnetz ab und erreicht dort in Kürze die Haltestelle Abendakademie (früher Neckartor). Im Hintergrund ist das MVV-Hochhaus zu sehen, das ebenfalls mit einer eigenen Straßenbahn-Haltestelle gewürdigt wird.

Durch die „Einschleifung“ in das Straßenbahnnetz kann die Linie 5 direkt durch die zentrale Fußgängerzone der Quadratestadt geführt werden.

Bild 6-55: An der Haltestelle Schloss verlassen wir den Zug, der zum Hauptbahnhof und anschließend in Richtung Weinheim weiter fahren wird. Die Linie 5 ermöglicht in rund 50 Minuten durchgehende Reisen von Innenstadt zu Innenstadt zwischen Heidelberg und Mannheim 😉
Bild 6-56: Da sind wir wieder, am Mannheimer Barockschloss, in dem sich heute die Universität befindet. Aus leicht anderer Perspektive haben wir den Schlosshof bereits in Bild 1-3 aus dem fahrenden Zug heraus gesehen 🙂

Zum Abschluss der Reise widmen wir uns noch ein wenig der Stadt Mannheim. Denn immerhin ist es noch nicht einmal 16:00 und wir sind schon am Zielort angelangt 😉

Bild 6-57: Mittelpunkt der Quadratestadt ist der (ebenfalls quadratische) Paradeplatz. Sein Quadrat würde übrigens als „O 1“ bezeichnet. Der Betonbau rechts im Bild ist das Stadthaus „N 1“ – das Telekom-Gebäude links liegt im Quadrat „O 2“.

Die Benennung der Straßen und Adressen in Mannheim ist für Außenstehende eher verwirrend. Tatsächlich werden in der Quadratestadt keine klassischen Straßennamen verwendet, sondern jeder (rechteckige) Block hat seine eigene Bezeichnung. Die Stadt wird dabei von den beiden zentralen Achsen, den „Planken“ in Ost-West-Richtung und der „Kurpfalzstraße“ in Nord-Süd-Richtung, in vier Quadranten geteilt. Beide Achsen treffen sich am Paradeplatz. In Nord-Süd-Richtung werden die Quadrate mit Buchstaben abgezählt, in Ost-West-Richtung mit Zahlen. Da jedes Quadrat an einer Straße auf ein anderes stößt, haben die Häuser rechts und links der Straße unterschiedliche „Straßennamen“. Auf Karten wir für zwei weitere Ost-West-Straßen übrigens ein Alias-Name verwendet. Die südliche Parallelstraße der Planken wird auch als „Kunststraße“, die nördliche als „Fressgasse“ bezeichnet. Da die Planken selbst dem Straßenbahnverkehr vorbehalten sind, dienen die beiden anderen (Einbahn-)Straßen als Verkehrsachsen für den Autoverkehr.

Bild 6-58: Auf den Planken herrscht ein reger Straßenbahn-Verkehr, sodass wir noch einige weitere Fahrzeugtypen der RNV zu sehen bekommen. Ein 6MGT bzw. GT6N hält als Linie 4 gerade vor dem Kaufhof am Paradeplatz.
Bild 6-59: Deutlich seltener ist die 8-achsige Variante 8MGT bzw. ET8N, denn von diesem Fahrzeugtyp wurden nur 5 Wagen ausgeliefert. Der Zug der Linie 6A in Richtung Ludwigshafen verlässt gerade die Haltestelle Strohmarkt.
Bild 6-60: Schließlich kommt noch die neuste Straßenbahn der RNV: Die Rhein-Neckar-Tram! Eine 40-Meter-RNT hält hier an der Haltestelle Wasserturm.

Die Rhein-Neckar-Tram (RNT) ist ein modulares Fahrzeugkonzept für den Zweirichtungsbetrieb. Geliefert wurden vom Hersteller Skoda sowohl 30-Meter-Wagen mit Führerständen an beiden Enden als auch 20- und 30-Meter-Module mit nur einem Führerstand. Diese werden „Heck-an-Heck“ zu 40- oder 60-Meter-Zügen gekuppelt. In Bild 6-60 sind also streng genommen zwei Fahrzeuge zu sehen, die als durchgehend begehbare Doppeltraktion verkehren. Der Vorteil dieses Konzepts ist, dass bei Unfällen die nicht beteiligten Module zu neuen Zügen kombiniert werden können. Dadurch wäre z. B. bei einer Flankenfahrt in Summe nur ein Zug aus dem Rennen.

Bild 6-61: Im vorherigen Bild schon erkennbar, hier nun im Großformat: Der Mannheimer Wasserturm, das Wahrzeichen der Stadt.
Bilder 6-62 und 6-63: Fontänen hinter dem Wasserturm – auf dem zweiten Bild mit Blick in Richtung Augustaanlage.

Dort warten wir nun auf die endgültig letzte Fahrt des Tages. Nach so vielen Strecken- und Höhenmetern können wir es uns genehmigen, die Rückfahrt zum Bahnhof mit dem Bus anzutreten.

Bild 6-64: Ein Diesel-Citaro der Linie 61 bringt uns von der Haltestelle Am Friedrichsplatz zurück zum Bahnhof.

Die Linie 61 wurde erst vor wenigen Tagen auf den aktuellen Laufweg verlängert, der u. a. die bisherige Linie 63 abgelöst hat. Leider haben es die Fahrplandaten noch nicht in die Auskunft geschafft, sodass Fahrgäste ganz klassisch dem Aushangfahrplan entnehmen müssen, wann der nächste Bus kommt. Auch die Datenversorgung auf den Fahrzeugen klappt wohl noch nicht reibungslos, denn das FIS im Bus zeigt an diesem Tag nichts an.

Bild 6-65: Gegen 16:30 sind wir schließlich wieder dort, wo die Reise begonnen hat: Vor dem Mannheimer Hauptbahnhof. Am Freitag nachmittags ist natürlich mehr los als noch am Sonntag früh, sodass wir auf dem Abschlussbild links noch einen E-Citaro und rechts einen weiteren ET8N festhalten können.

Nach 6 Tagen endet so eine denkwürdige Reise in die eigene Heimat und Vergangenheit. Aus akutem Anlass unternehme ich an diesem Tag, nachdem wir das Gepäck zu Hause abgestellt haben, noch einen dringenden Ausflug zu einem Schuhladen, denn die vielen Wald- und Wanderwege haben meinen vergleichsweise alten Schuhen schon stark zugesetzt – auch wenn wir kaum wirklich Strecke gemacht haben. Natürlich sind Wanderstiefel für einen kleinen Waldspaziergang oder einen der sanften Aufstiege, die ich im Bericht vorgestellt habe, nicht unbedingt erforderlich – aber wenn man in 6 Tagen doch einige steinige Wege vor sich hat, sollten die Straßenschuhe zumindest noch ausreichend in Form sein, um die Strapazen der Reise zuverlässig zu überstehen. Lohnen tuen sie letztere allemal 🙂

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