Tag 4 / 6

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Dieser Reisetag hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, da er uns direkt in meine (frühere) Heimat, die Südpfalz, führen wird. Wir starten jedoch mit einem kurzen Abstecher ins Dahner Felsenland und finden uns am Ende des Tages schließlich in Karlsruhe wieder. Leider ist das schöne Wetter nach drei sehr sonnigen Tagen nun erstmal vorbei und der Himmel zeigt sich bei schwüler Witterung den ganzen Tag über bedeckt. Wenigstens wird es den Tag über nicht regnen 😉

Bild 4-1: Zu Beginn des Tages verlassen wir die (ehemalige) Schuhstadt Pirmasens.
Bild 4-2: Um 9:02 startet der einzelne Talent von Gleis 1 des Pirmasenser Hauptbahnhofs als RB 55 nach Landau. Dieser Fahrzeugtyp wird uns noch den ganzen Tag über begleiten…

Der Hauptbahnhof von Pirmasens ist ein Kopfbahnhof etwas unterhalb des Stadtzentrums. Der Bahnhof liegt jedoch aufgrund der topografischen Bedingungen abseits der Hauptstrecke von Landau nach Saarbrücken, die durch einige Bachtäler des Pfälzerwaldes trassiert wurde. Sie verläuft deshalb auf einer Höhe von ca. 250 m ü. N. N. nördlich an der Stadt vorbei. Pirmasens wird über eine 7 Kilometer lange Stichstrecke erschlossen, die am Bahnhof Pirmasens Nord der Hauptstrecke beginnt. Züge zum Hauptbahnhof müssen auf der Fahrt von Pirmasens Nord ausgehend rund 120 zusätzliche Höhenmeter überwinden, ehe sie den Bahnhof auf ca. 370 m ü. N. N. erreichen. Die ursprüngliche Stichstrecke war mit einer mittleren Steigung von ca. 20 Promille vergleichsweise steil. Aus diesem Grund wurde im frühen 20. Jahrhundert ein (fast) paralleles zweites Gleis mit etwas geringerer Steigung gebaut, die jedoch früher (direkt in der Ausfahrt aus dem Bahnhof Pirmasens Nord) beginnt und sich damit länger zieht. Dieses „Berggleis“ wird heute noch befahren; das etwas steilere „Talgleis“ ist stillgelegt und abgebaut.

Bild 4-3: Im Bahnhof Pirmasens Nord, der gerade eine Modernisierung erhält, hat der Zug einige Minuten Pause.

Der Name „Pirmasens Nord“ ist etwas irreführend, denn der Bahnhof befindet sich mitten im Pfälzerwald nahe der kleinen Siedlung Biebermühle, die dem Bahnhof bis 1938 auch ihren Namen gab. Seine Funktion besteht überwiegend in der Gewährung von Umsteigeverbindungen, denn der abgelegene Bahnhof bildet den Knoten zwischen der Biebermühlbahn (Pirmasens Hbf – Pirmasens Nord – Kaiserslautern), über die wir Vortag in Pirmasens angekommen sind, und der Hauptstrecke Landau – Pirmasens Nord – Zweibrücken – Saarbrücken. Die Zeiten durchgehender Schnellzüge auf der Hauptstrecke sind jedoch vorbei. Heute werden alle drei von Pirmasens Nord ausgehenden Strecken (nach Saarbrücken, Kaiserslautern und Landau) von stündlichen Regionalbahnen bedient, die jeweils am Hauptbahnhof beginnen. Deshalb ist für unseren Zug der Linie RB 55 in Pirmasens Nord ein Fahrtrichtungswechsel erforderlich.

Bild 4-4: Während unserer Standzeit erreichen eine RB 64 von Kaiserslautern und die hier abgebildete RB 68 von Saarbrücken den Bahnhof. Im Hintergrund ragt die Schwarzbachtalbrücke der in diesem Abschnitt pro Richtung nur einstreifigen A 62 über den Bäumen hervor.
Bild 4-5: Nachdem die wenigen Umsteiger in unseren Zug nach Landau zugestiegen sind, verlassen wir den Bahnhof als Parallelausfahrt mit der RB 68, die gleich rechts den langen Anstieg zum Hauptbahnhof Pirmasens beginnen wird.
Bild 4-6: Am Haltepunkt Hauenstein Mitte lassen wir den Talent als einzige dort aussteigende Fahrgäste ziehen.
Bild 4-7: Nach Ortsmitte sieht es hier aber nicht aus…
Bild 4-8: Tatsächlich liegt der recht junge Haltepunkt Hauenstein Mitte (rechts) jedoch deutlich näher am Ortskern (rechts unten) als der alte Bahnhof Hauenstein (ganz links).

Hauenstein entwickelte sich im Zeitalter der Industrialisierung zu einem Konkurrenten für das benachbarte Pirmasens, denn nach dessen Vorbild siedelten sich hier Schuhfabriken sowie die benötigte Zulieferindustrie an. Genau wie in Pirmasens kam aber auch in Hauenstein ab ca. den 1970er-Jahren der Abschwung und heute hat Hauenstein, ebenso wie Pirmasens, nur noch einen Hersteller mit lokaler Schuhproduktion. Geblieben ist allerdings der Handel mit Schuhen. In Hauenstein befindet sich, direkt an der B 10 (der inoffiziellen „Pfälzerwald-Autobahn“ – dazu später mehr…) und am alten Bahnhof, eine Ansammlung von Schuhgeschäften, die sich als „Schuh-Meile Hauenstein“ überregional vermarktet. Besonders bekannt wurde die „Schuh-Meile“ in der Region durch ihre vielen verkaufsoffenen Sonntage im Jahr.

Was will man nun aber als Bahnreisender in Hauenstein? Tatsächlich: Umsteigen 😉 Nach 10 Minuten holt uns ein etwas besonderer Zug in die Gegenrichtung am Haltepunkt Hauenstein Mitte ab.

Bild 4-9: Mit der Ausflugslinie RB 56 fahren wir eine Station zurück zum ebenfalls abgelegenen Umsteigebahnhof Hinterweidenthal Ost, der seine besten Tage schon hinter sich hat. Dort biegt der Zug ab auf die nur noch im Saisonverkehr befahrene Wieslauterbahn.
Bild 4-10: Gegen 10 Uhr erreicht der modernisierte Desiro – inzwischen eine Seltenheit in der Vorderplatz – den Bahnhof Dahn.

Die Wieslauterbahn ist eine Stichstrecke, die in Hinterweidenthal, genauer am Bahnhof Hinterweidenthal Ost, von der in diesem Abschnitt „Queichtalbahn“ genannten Hauptstrecke Landau – Pirmasens abzweigt. Sie führt über 15 km bis zum Streckenende in Bundenthal-Rumbach. Größte Gemeinde entlang der Stichstrecke ist die Kleinstadt Dahn. Der regelmäßige Personenverkehr auf der Strecke ist schon seit 1966 eingestellt. Sie wird jedoch bis heute in der Sommersaison von April / Mai bis Oktober von Ausflugszügen befahren, die in der Linie RB 56 gebündelt werden. An Wochenenden verkehrt der „Bundenthaler“ von Kaiserslautern über Neustadt und Landau nach Bundenthal-Rumbach. Dessen historischer Laufweg beginnt eigentlich in Mannheim und nicht in Kaiserslautern; allerdings ist so die Fahrzeugeinsatzplanung einfacher. Zudem fährt ein Zugpaar, der „Felsenland-Express“ aus Karlsruhe über Landau ins Wieslautertal. Beide Züge pendeln über den Tag mehrmals zwischen Bundenthal-Rumbach und Hinterweidenthal Ost. Dort legen Züge der Linie RB 55 an Verkehrstagen der Ausflugszüge zusätzliche Halte ein, um Fahrgästen den Umstieg zu ermöglichen. Außerhalb der Saison wird der Bahnhof Hinterweidenthal Ost nicht bedient.

Obwohl die Ausflugszüge meist am Wochenende verkehren, ist heute Mittwoch und wir stehen trotzdem hier. Wie kommt das? Dazu passt eine alter Pfälzer Weisheit: „Mittwochs hot de Doktor zu!“. Tatsächlich verkehrt der „Bundenthaler“ in der Saison auch am Mittwoch, einem traditionellen Ausflugstag in der Pfalz. Denn: Mittwochs hatten (und haben) die Geschäfte und Dienstleister in den kleineren Gemeinden meist am Nachmittag geschlossen, sodass sich dieser Tag am ehesten für einen Ausflug „unter der Woche“ eignet. Da i. d. R. eher diejenigen einen solchen Ausflug unternehmen können, die nicht berufstätig sind, entstand im Volksmund der erwähnte leicht spöttische Spruch. Renter seien demnach das überwiegende Klienteil solcher Mittwochsausflüge und da Rentner fast jeden Tag beim Arzt säßen (auch dazu gibt es in der Region viele Witze), bräuchten sie mittwochs, wenn selbiger zu hat, eben eine andere Beschäftigung 😉 An diesem Tag sind aber, möglicherweise wegen des schlechten Wetters, keine Ausflugsgruppen unterwegs und der Zug ist fast leer.

Bild 4-11: Dahn ist das Zentrum des „Dahner Felsenlandes“, einer Felslandschaft im Pfälzerwald. Im Zentrum von Dahn wiederum befindet sich der Jungfernsprung, ein markanter Fels.
Bild 4-12: Über einen kleinen Waldweg und einige Treppen können Besucher auf den Felsen aufsteigen.
Bilder 4-13 und 4-14: Felslandschaften (Achtung: Die Wanderung auf dem Felsrücken erfordert absolute Trittsicherheit!)
Bild 4-15: Die Spitze des Jungfernsprungs ist über einen gesicherten Weg zu erreichen.

Der Fels hat seinen Namen von einer alten Sage, die über Jahrhunderte nur mündlich überliefert wurde. Demnach soll eine junge Frau im Wald von einem Mann (in manchen Varianten ein Jäger) verfolgt worden sein, der sie (nach heutiger Lesart) vergewaltigen will. Sie achtete nicht auf den Weg und stand deshalb bald an der Spitze des Felsens mit dem Verfolger im Rücken. Als Ausweg sprang sie den Felsen hinunter – und überlebte den Sprung unverletzt, da sich entweder ihr Rock zu einem Schirm aufbläst oder Engel ihr zu Hilfe kommen (letztere Variante enthält ein Gebet an die Jungfrau Maria vor dem Sprung). Egal wie man die Sage heute interpretiert, sie gab letztlich dem Felsen seinen Namen 🙂

Bild 4-16: Der Felsen bietet einen schönen Panorama-Blick auf das Wieslautertal – und die Bahnstrecke, auf der gerade der Desiro für die erste Pendelfahrt zurück kehrt.
Bild 4-16: Der Triebwagen rollt wegen des BÜ langsam am Felsen vorbei und bietet aus dieser Perspektive leichtes Modellbahn-Feeling 😉
Bild 4-18: Schließlich erreicht der Zug den Bahnhof Dahn.

Da der Zug nach der nächsten Rückfahrt bis Bundenthal-Rumbach Mittagspause macht, müssen wir zur Rückfahrt nach Hinterweidenthal auf die Straße ausweichen. Glücklicherweise fährt trotz des dünnen Fahrplans bereits nach wenigen Minuten ein Bus der Linie 252 von Dahn über Hinterweidenthal nach Hauenstein. Ein sehr abgenutzter Citaro der Queichtal-Nahverkehrsgesellschaft bringt uns nach Hinterweidenthal, während bei der Einfahrt in den Ort eine Häuserreihe weiter der Zug auf seiner 2. Runde nach Bundenthal-Rumbach vorbei fährt.

Bild 4-19: In Hinterweidenthal ist unser nächstes Ziel auch schon von weitem sichtbar – es ist wieder ein Felsen 😉
Bild 4-20: Der Teufelstisch!

Der Teufelstisch ist ein Pilzfelsen – eine Formation, die man im Pfälzerwald häufiger findet. Sie entstehen, da das Felsmaterial im unteren Teil des Felsens stärkeren Verwitterungs- und Erosionsprozessen ausgesetzt ist als die oberen Schichten, die letztlich die „Tischplatte“ ausbilden. Der Felsen aus Bild 4-20 über Hinterweidenthal ist im Pfälzerwald der größte dieser Art. Sein Name geht ebenfalls auf eine Sage zurück, die in einem Gedicht aus dem Jahr 1884 erhalten ist. Demnach ging ein „finsterer Geselle“ eines nachts in den Wald, wo er jedoch keinen Rastplatz fand und deshalb aus zwei Felsen einen Tisch formte. Die Bewohner der Ortschaft waren am Folgetag verwundet über die Felsformation und fürchteten, dass dort der Teufel persönlich gespeist habe. Einer aus dem Dorf wollte das nicht glauben, ging in der nächsten Nacht zum Tisch hinauf und – ein grausamer Todesschrei hallt um Mitternacht über das Dorf! Der Schluss der Sage liest sich jedoch so, dass der „Ungläubige“ das Dorf veralbert hat. Er schlägt sich selbst oben am Tisch ein Kreuz und wohnt fortan nicht mehr im Ort. Von den Bewohnern wurde der Felsen fortan trotzdem als „Teufelstisch“ bezeichnet.

Bild 4-21: Unterhalb des Teufelstisch wurde ein Abenteuerspielplatz gebaut, den ich in meiner Kindheit auch mehrfach besuchen durfte. Nahe an der B 10 kann dieser bei längeren Fahrten genutzt werden, um (so Zitat eines Vaters) „die Kinder zu lüften“ 😉
Bild 4-22: Auf 1.500 Einwohner drei SPNV-Halte: Da der Bahnhof Hinterweidenthal Ost abseits der Ortschaft liegt, halten Züge der Wieslauterbahn am Haltepunkt Hinterweidenthal Ort ins Ortsmittenlage. Die Züge der Hauptstrecke halten dagegen an einem ortsnahen Haltepunkt, der nur Hinterweidenthal ohne Zusätze heißt. Dorthin begeben wir uns für die Weiterfahrt.
Bild 4-23: Der Haltepunkt Hinterweidenthal liegt ein wenig oberhalb der Ortschaft. Durch den Ausbau der B 10 stehen Bahnreisende vor der Wahl: Treppe oder 500 Meter Umweg.
Bild 4-24: Die B 10 verläuft parallel zur Bahnstrecke von Landau nach Pirmasens und trennt heute Ort und Bahnhof. Vor dem vierstreifigen Ausbau verlief die B 10 auf der parallelen Ortsstraße rechts.

Die B 10 ist Teil der europäischen Fernstraßenverbindung von Bruxelles über Luxembourg, Stuttgart, München, Salzburg und Villach nach Ljubljana. Beim Bau des deutschen Autobahnnetzes war die Strecke als Teil der A 8 konzipiert, die von der Grenze zu Luxembourg bei Perl bis zur Grenze zu Österreich bei Bad Reichenhall führen sollte. Das Teilstück im Pfälzerwald wäre aufgrund der Platzverhältnisse jedoch baulich recht aufwändig und teuer geworden. Daher wurde die A 8 von Richtung Luxembourg nur bis Pirmasens und aus Richtung München nur bis Karlsruhe realisiert. Die Lücke führt Kraftfahrer von Karlsruhe aus über die A 65 nach Landau und von dort über die B 10 nach Pirmasens. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens soll die B 10 dennoch perspektivisch durchgehend vierstreifig ausgebaut werden. Das Teilstück von Pirmasens nach Hinterweidenthal ist, wie in Bild 4-24 zu sehen, inzwischen für den Verkehr freigegeben. Das Teilstück von Landau Richtung Annweiler wird gerade gebaut. Sorgenkind der Planer ist der Abschnitt um Annweiler, der im Bestand vier einröhrige Tunnel umfasst. Diese sollen für den Richtungsverkehr nach Landau erhalten bleiben. Der Richtungsverkehr nach Pirmasens soll in einen „Basistunnel“ verlegt werden. So groß die Pläne für den Ausbau der Bundesstraße sind, so wenig wird am Ausbau der eingleisigen Queichtalbahn gearbeitet. Deren Infrastruktur reicht noch nicht einmal für einen lange ersehnten RE Karlsruhe – Landau – Saarbrücken.

Bild 4-25: Bahnhof Hinterweidenthal auf der anderen Seite der Schnellstraße.
Bild 4-25: Mit dem nächsten Talent um 12:34 fahren wir weiter nach Landau. Damit durchfahren wir in Kürze den Bahnhof Hinterweidenthal Ost heute zum dritten Mal 😉
Bild 4-27: In Annweiler am Trifels ragt die (restaurierte) Burg Trifels im Hintergrund über der Stadt hervor. Vor mehreren hundert Jahren wurde hier der englische König Richard Löwenherz über einige Wochen gefangen gehalten.
Bild 4-28: Zur „Schule-Aus-Zeit“ kommen wir in Landau an. Dort besteht Anschluss zu weiteren Talent-Leistungen nach Neustadt und Karlsruhe. Den hier abgebildeten RE 6 muss der Triebwagen „Fritz Walter“ wegen Fahrzeugmangel heute leider alleine bedienen – entsprechend gut gefüllt ist der Zug bei der Abfahrt 😉

Landau ist mit Abstand die wichtigste Stadt auf der Reise, denn dort wurde ich vor nicht all zu langer Zeit geboren 🙂 Obwohl (oder gerade weil) mich viel mit der Stadt verbindet, legen wir hier keinen längeren Aufenthalt ein. Nur so viel: Landau hat in den letzten Jahren eine ziemliche Transformation durchgemacht. Im Rahmen der Landesgartenschau 2014, die wegen mehrerer Bombenfunde auf dem ehemaligen Militärgelände um ein Jahr verschoben werde musste, wurde im Süden der Stadt ein neues Wohnquartier erschlossen. Parallel dazu wurde die Fußgängerzone saniert und die Ostbahnstraße (die Straße vom Bahnhof in die Stadt) in eine ruhige Allee umgestaltet. Nach der Landesgartenschau lebte die Stadt das Konzept der Verkehrswende: Der Radverkehr erhielt in Landau einen hohen Stellenwert und entsprechende Infrastruktur, das ÖPNV-Angebot wurde 2022 deutlich ausgeweitet und das Parken in der Innenstadt u. a. durch Preismaßnahmen beschränkt. Auch wenn Einpendler aus den Umlandgemeinden das kritisch sehen, ist Landau aus Sicht der Nicht-Autofahrer heute eine lebenswerte Stadt.

Bild 4-29: Bahnhofsgebäude des Hauptbahnhofs Landau. Das Gebäude steht bis auf ein Geschäft und das DB-Reisezentrum leer. Die Plakate auf der Bahnhofsuhr stammen übrigens von einem Einwohner der Stadt, der schon seit Jahren regional als „Plakatekleber“ bekannt ist und für seine Sachbeschädigungen mehrfach verurteilt wurde. Seine Plakate beschreiben meist Verschwörungstheorien insbesondere gegen die Justiz, die SPD (Partei des damaligen Oberbürgermeisters) oder die Lokalzeitung…
Bild 4-30: Am Busbahnhof herrscht zur Schülerheimfahrt reges Treiben. Aufgrund der zentralen Lage bietet die „Südpfalz-Metropole“ Landau Busverbindungen in die gesamte Vorderpfalz, die an mehrere Busunternehmen vergeben sind.
Bild 4-31: Mit dem übernächsten Zug, dem RE 6 um 13:39, fahren wir weiter nach Neustadt. Die RB 51 um 13:23 hätten wir zwar auch erreicht – die ist aber so voll mit Schülern, dass der spätere RE die bequemere Alternative darstellt.
Bild 4-32: Über meine frühere Heimatstrecke fahren wir durch die Weinreben der Südpfalz nach Neustadt. Warum ich wohl ausgerechnet der recht unbedeutenden Ortschaft Edesheim ein Foto gewidmet habe… 😉
Bild 4-33: Pünktlich für den ITF-Knoten um 14:00 steht der RE 6 im Hauptbahnhof von Neustadt an der Weinstraße.
Bild 4-34: Hinter dem Bahnhof befindet sich das zwar kleine, aber durchaus feine Museum der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte. Manche Fahrzeuge aus dem Museum erhalten noch regelmäßig Auslauf als Dampfsonderzug „Kuckucksbähnel“ nach Elmstein. Besuchen können wir das Museum an diesem Tag aber nicht mehr, da es seit 13:00 bereits geschlossen hat.
Bild 4-35: Kurz darauf treffen eine S 1 nach Osterburken…
Bild 4-36: …und der schnellere RE 1 nach Mannheim in den Taktknoten ein. Für uns geht die Reise allerdings vor dem Bahnhof weiter.
Bild 4-37: Auf dem Bahnhofsvorplatz steht der Saalbau. In der Festhalle findet u. a. die Verleihung des Titels der „Deutschen Weinkönigin“ jedes Jahr im September statt. Diese Ehre hatte im Jahr 1995 / 1996 die amtierende Bundestagspräsidentin Julia Klöckner aus Bad Kreuznach inne. Der Busbahnhof (links des Bildausschnitts) wird aktuell umgebaut. Deshalb halten nur wenige Linien, wie die Kleinbus-Linie 515, direkt auf dem Vorplatz.
Bild 4-38: Die meisten Bussteige wurden an die Landauer Straße ausgelagert. Dort finden wir auch unseren Bus der Mittelhaardt Nahverkehrsgesellschaft (ehemals Busverkehr Imfeld) zur Fahrt zum Hambacher Schloss.
Bild 4-39: Nach rund 20 Minuten Fahrt durch die verwinkelten Wohngebiete der Stadt und des Vorortes Hambach erreicht die Linie 502 die kürzlich ausgebaute Haltestelle vor dem Hambacher Schloss.
Bilder 4-40 und 4-41: Hambacher Schloss

Obwohl ich fast mein ganzes Leben in der Region gewohnt habe, habe ich es bis zu diesem Tag nicht zum Hambacher Schloss geschafft. Dabei befindet sich das Gebäude in einem Top-Zustand und der Ort hat eine besondere Bedeutung für die Deutsche Geschichte. 1832 fand hier das Hambacher Fest, ein Zusammentreffen der bürgerlichen Opposition, statt. Die Pfalz, zuvor während der französischen Revolution von den Truppen Napoleons erobert, gehörte damals verwaltungsrechtlich zu Bayern. Die Bürger protestierten auf dem Fest friedlich gegen die Bestrebungen des bayrischen Königs zur Restauration der Monarchie, denn die bayrische Verwaltung missachtete die der Bevölkerung eigentlich über den Code Civil zugesicherten Grundrechte. Zusammen mit anderen bürgerlichen Versammlungen legte das Hambacher Fest den Grundstein für die Märzrevolution ab 1848. Ein weiteres Ergebnis der damaligen Ereignisse ist die heutige deutsche Flagge, denn deren Farben Schwarz-Rot-Gold in dieser Anordnung wurden erstmals beim Hambacher Fest so präsentiert. Heute ist das Hambacher Schloss ein Museum. Die Außenanlagen sind kostenfrei zugänglich.

Bild 4-42: Blick vom Balkon des Hambacher Schloss auf die Rheinebene – an diesem Tag leider durch die schwüle Luft getrübt. Im Vordergrund der Stadtteil Diedesfeld, Mittelpunkt der Deutschen Weinstraße (von Bockenheim bei Grünstadt nach Wissembourg). Die Bahnstrecke Neustadt – Landau verläuft hier hinter dem Ort von rechts nach links. Der Rhein bei Speyer liegt noch ca. 25 km entfernt.
Bild 4-43: Erst durch den Wald, dann durch die Gassen des Winzerorts Hambach steigen wir vom Schloss ab zur Weinstraße. Dort erreichen wir den (baustellenbedingt verspäteten) Bus der Linie 501 direkt zum Hauptbahnhof.
Bild 4-44: In Neustadt steigen wir kürzlich eröffneten Südzugang an der Bushaltestelle Schillerstraße aus. Der Umsteigeweg ist von dort aus so kurz, dass trotz der Verspätung alle Anschlusszüge erreicht werden. An Gleis 5 wartet auch schon unsere Talent-Doppeltraktion nach Karlsruhe.
Bild 4-45: Doppeltraktion? Da geht doch zur HVZ noch mehr! Der Triebwagen „Knörigen“ eilt aus der Abstellung heran zur Verstärkung des Zuges.
Bild 4-46: Schon ist aus der Doppeltraktion ein stattliches Triple geworden.

Mit diesem Zug fahren wir zurück nach Landau und vor dort aus direkt weiter über den Bahnknoten Winden und die Kleinstadt Kandel nach Wörth am Rhein. Der führende Triebwagen bleibt über die gesamten Fahrt eher gemäßigt besetzt. Anders wird das auf der Rückfahrt ab Karlsruhe um 17:05 aussehen. Da ist die Dreifachtraktion dann gut besucht. Die Namensfindung der Triebwagen verlief übrigens über ein „Preisausschreiben“ in den örtlichen Medien. Vor rund 10 Jahren sollten die Einwohner der Orte entlang der Einsatzstrecken Namensvorschläge (also in Form des eigenen Ortsnamens) abgeben und am Ende wurden die am häufigsten genannten Vorschläge ausgewählt. Ob dabei die absolute Häufigkeit oder der Anteil der Einwohner, die sich gemeldet haben, gewertet wurde, kann ich leider nicht mehr richtig erinnern. Bei ersterem hätte Knöringen mit seinen 430 Einwohnern wohl kaum eine Chance gehabt…

Bild 4-47: Nach dem Ausstieg in Wörth fährt ein anderes Talent-Doppel als RB 51 Richtung Landau vor. Sehr zu meiner Freude sind zwei Wagen am Zug. Der vordere Zugteil fährt ab Landau nach Neustadt, der hintere nach Annweiler. In den 5 Jahren, in denen ich regelmäßig mit der RB 51 aus Karlsruhe in die Pfalz ausgependelt bin, fehlte der hintere Zugteil aber gefühlt häufiger als dass er fuhr..
Bild 4-48: In Wörth besteht Anschluss zur Stadtbahn Karlsruhe in die Karlsruher Innenstadt.

Die Stadtbahnlinie S 5 ist eine der Paradestrecken des „Karlsruher Modells“. Damit wird die Verknüpfung von Straßen- und Eisenbahnstrecken durch Zweisystem-Fahrzeuge bezeichnet, die hier vor ca. 30 Jahren erstmals eingesetzt wurden. Die Karlsruher Stadtbahntriebwagen vereinen beide Systeme: Sie kommen mit beiden Stromsystemen (15 kV Wechselstrom und 750 V Gleichstrom) klar, verfügen über die zur Teilnahme am Straßenverkehr erforderliche Ausrüstung (u. a. Blinker und Bremslichter) und halten die an Straßenbahnen gestellten Anforderungen zum Bremsvermögen ein. Damit ist ein für den Fahrgast kaum merkbarer Wechsel an den Systemgrenzen möglich. Lediglich das Umstellen der Stromversorgung ist im Fahrgastraum hörbar und die Innenbeleuchtung gewinnt beim Systemwechsel manchmal etwas an Intensität 😉

Bild 4-49: Das hintere Fahrzeug der Doppeltraktion bietet noch eine weitere Besonderheit: Eine Toilette!
Bild 4-50: Die voll funktionsfähige WC-Kabine kommt für eine Straßenbahn sogar recht geräumig daher.

Der Karlsruher Zweisystem-Stadtbahn wurde in den vergangenen Jahrzehnten der rote Teppich ausgerollt. Die Albtal-Verkehrsgesellschaft, die die Stadtbahn betriebt, tritt auf manchen Strecken auch als EIU auf und ermöglichte so den sehr zügigen Ausbau mancher Nebenstrecke zur Stadtbahnlinie. Daher können heute von Karlsruhe aus mit der Stadtbahn Ziele wie Heilbronn oder Freudenstadt umsteigefrei erreicht werden. Aufgrund der langen Reisezeiten ist eine Toilette im Zug da definitiv nicht verkehrt 😉 Die neusten Zweisystem-Generationen sind deshalb vollständig mit Bordtoiletten ausgestattet.

Bild 4-51: Bei Maxau queren wir den Rhein. Damit verlassen wir Rheinland-Pfalz und erreichen Baden-Württemberg. Der ganze Rest des Reiseberichts wird sich ausschließlich in diesem Bundesland abspielen 😉
Bild 4-52: Nach der Systemwechselstelle passieren wir die Stadtteile Knielingen und Mühlburg und erreichen schließlich die Umsteigehaltestelle Entenfang. Dort befindet sich eines der für Karlsruhe charakteristischen vollständigen Gleisvierecke.
Bild 4-53: Gegen 17:20 verlassen wir die Bahn schließlcih am bzw. unter dem Europaplatz.

Karlsruhe hat seine Stadtbahn im Rahmen der „Kombilösung“ vor vier Jahren tiefer gelegt. Zuvor fuhren die Bahnen oberirdisch durch die zentrale Kaiserstraße. Sobald unser Gepäck im Hotel verstaut ist, sehen wir uns dort auch gleich noch um 😉

Bild 4-54: Nur zwei Rolltreppen später stehen wir tatsächlich auf dem Europaplatz. Aufgrund einer Baustelle hält die Straßenbahnlinie S 2 der Verkehrsbetriebe Karlsruhe an diesem Tag oben.

Karlsruhe ist ebenfalls einer der wichtigen Schauplätze in meiner bisherigen Vita. 4 Jahre lang habe ich an der hiesigen Hochschule für Technik und Wirtschaft studiert und nebenher als Werkstudent gearbeitet. Nur gewohnt habe ich dort nie, denn dafür ist der Wohnungsmarkt in Karlsruhe zu teuer. Es ist einfach wirtschaftlicher, über eine Stunde pro Richtung zu pendeln, als eine Wohnung in der Fächerstadt anzumieten. Das Hotel in der Nähe der Haltestelle Europaplatz ist mir übrigens sogar von einem studienbedingten Aufenthalt bekannt. Nach einem schweren Sturm war der Eisenbahnbetrieb in der Südpfalz im Winter 2020 einen Tag vor einer Prüfung bis 16:00 (!) eingestellt. Da die Prognose für den Folgetag nicht besser aussah, nahm ich dann nachmittags um 16:30 den ersten Zug des Tages in die Stadt und übernachtete dort. So konnte ich sicherstellen, auch wirklich pünktlich zur Klausur anwesend zu sein. Tatsächlich hatten die Züge am Prüfungstag höhere Verspätungen, sodass ich froh war, einfach nur aufstehen und 10 Minuten zu Fuß gehen zu müssen. Das sehr gute Klausurergebnis sollte den Aufwand lohnen 🙂

Wie angesprochen wurde 2021 der Stadtbahntunnel als Teil der „Kombilösung“ eröffnet. So bezeichnet die Stadt Karlsruhe ein Großbauprojekt, um die Innenstadt vom Auto- und Straßenbahnverkehr zu entlasten. Das Projekt besteht aus zwei Teilen. Der eine Teil ist die Verlegung der Straßenbahnstrecken in der Kaiserstraße (Ost-West) und in der Ettlinger Straße (Nord-Süd) in einen T-förmigen Tunnel – einschließlich Gleisdreieck unter dem Marktplatz. Damit sollte die Fußgängerzone in der Kaiserstraße und auf dem Marktplatz straßenbahnfrei werden, denn die Zugfolge in der Innenstadt war oft so dicht, dass man nur noch von der „gelben Wand“ sprach. Der andere Teil ist ein Autotunnel unter der Kriegsstraße (B 10). Die Kriegsstraße hat dadurch ihre städtebauliche Trennwirkung verloren und ist heute eine verkehrsarme Allee mit Straßenbahn. Leider jedoch stammen die Planungen für die Kombilösung aus einer Zeit, in der man zum Einkaufen noch in die Innenstadt gegangen ist. Dass zum Zeitpunkt der Umsetzung die Innenstadt wegen des Online-Geschäfts fast nur noch aus Handy-Läden, Dönerbuden und Barber Shops besteht, konnte damals noch niemand ahnen. So wirkt die Kaiserstraße heute eher leblos – zur Belebung fahren in regelmäßigem Abstand Polizeistreifen durch.

Bild 4-55: Früher war die Kaiserstraße eine bedeutende Straßenbahnstrecke, auf der man kaum ausmachten konnte, wo eine Bahn endet und wo die nächste anfängt. Heute dürfen nur noch Fußgänger hier passieren.
Bild 4-56: Einige Gleisreste sind auch über drei Jahre nach der Stilllegung der Strecke noch erhalten so wie dieser Gleiswechsel für den Störfall.
Bild 4-57: Karlsruher Marktplatz mit der markanten Stein-Pyramide

War doch die eigentliche Idee der Kombilösung, weiterhin alle Linien zum Marktplatz zu führen, so mussten die Planer bald feststellen, dass das nicht geht. Denn im Tunnel wird auf Signal gefahren und gerade das höhengleiche Gleisdreieck reduziert die Streckenkapazität so stark, dass der Tunnel mit dem heutigen Liniennetz schon am Limit ist. Deshalb mussten die heutigen Linien 4 und 5 auf eine Neubaustrecke in der Kriegsstraße ausgelagert werden, die parallel zur Kaiserstraße verläuft. Sie hätten trassentechnisch nicht mehr in den Tunnel gepasst. Das Versprechen, alle Linien an die Innenstadt anzubinden, sieht die Stadtverwaltung trotzdem nicht gebrochen: Auf einer Info-Veranstaltung kurz vor der CoViD-Pandemie wurde das Stadtzentrum einfach als Dreieck Europaplatz – Marktplatz – Ettlinger Tor neu definiert. Da jede Linie mindestens einen der drei Punkte bedient, sei die Innenstadt so weiterhin aus allen Richtungen erreichbar.

Bild 4-58: Früher konnte man aus dem Geschäft quasi direkt in die Bahn einsteigen. Heute ist dafür zunächst ein Abstieg in den Untergrund erforderlich. Für die „U-Stadtbahn“, die keine U-Bahn, aber auch keine reine Stadtbahn sein will, verwenden die VBK ein gelbes „U“-Symbol.
Bild 4-59: Übersicht über die Kombilösung (unterirdische Stadtbahn-Haltestellen rot, Autotunnel blau).
Bild 4-60: In der Haltestelle Marktplatz (Kaiserstraße) hält gerade eine Niederflur-Stadtbahn des Typs „NET 2012“ der Einsystem-Linie S 1.
Bild 4-61: Die Zweisystem-Fahrzeuge haben eine höhere Einstiegshöhe. Um trotzdem einen barrierefreien Ein- und Ausstieg zu ermöglichen, verfügen alle Tunnelhaltestellen ganz vorne über einen „Buckel“. Dadurch ist der Zustieg an den ersten beiden Türen ebenerdig.
Bild 4-62: Einzig Gleis 5 der Haltestelle Marktplatz (Pyramide) ist auf ganzer Länge auf Höhe der Zweisystem-Fahrzeuge ausgebaut. Das Stumpfgleis kann nur von Zweisystemern befahren werden, da alle Einsystemer zugleich auch Einrichtungswagen sind. Es war eigentlich für die Wende der stündlichen Linie S 52 nach Germersheim vorgesehen. Da die Leistungen der Linie S 52 durch den Aufgabenträger in Rheinland-Pfalz aber inzwischen durch kostengünstigere Fahrten der Linie S 3 der S-Bahn Rhein-Neckar ersetzt wurden, wird das Stumpfgleis nur noch von Einzelzügen und bei Baustellen genutzt.

Eine weitere Begleiterscheinung des unterirdischen Gleisdreiecks ist ein ungeheurer Lärm durch das Kurvenquietschen der abzweigenden Bahnen, der in den beiden Haltestellen am Marktplatz zu hören ist. Man muss allerdings zugeben, dass eine höhenfreie Lösung technisch deutlich aufwändiger gewesen wäre. Damit belassen wir es für heute bei der Stadtbahn und widmen uns noch ein wenig dem Schlosspark.

Bild 4-63: Schloss Karlsruhe. Das Schloss bildet das Zentrum, von dem aus die tangentialen Straßen der Stadt „abstrahlen“ und so im Stadtplan einen Fächer bilden. Aus diesem Grund wird Karlsruhe auch als „Fächerstadt“ bezeichnet.
Bild 4-64: Schlossgartensee
Bilder 4-65 und 4-66: Bahnhof der Schlossgartenbahn. Die Mini-Eisenbahn befördert im Sommer tagsüber Gäste auf einem Rundkurs durch den Schlosspark.
Bilder 4-67 und 4-68: An den Schlossgarten grenzt der botanische Garten an – bei jedem Wetter immer wieder schön anzusehen 🙂
Bild 4-69: Schließlich kehren wir zum Europaplatz zurück und beenden unseren Reisetag dort.

Am folgenden Tag fahren wir über Umwege in die Landeshauptstadt, deren Bauprojekt im Gegensatz zu dem in Karlsruhe noch läuft – und gefühlt überhaupt nicht mehr fertig wird…

Fortsetzung folgt…