
Kurz nach 5 Uhr, eine Stunde vor der planmäßigen Ankunft, erwachen wir dann endgültig in unserem Schlafwagenabteil im Ocean, dem Nachtzug von VIA Rail Canada, dem wir seit gestern um 11:30 Ortszeit auf der Fahrt von Halifax in Richtung Montréal beiwohnen. Die Nacht war für mich, wie für Nächte im Zug üblich, eher mäßig erholsam. Einerseits kann ich eigentlich trotz der Bewegung des Zuges recht gut schlafen – andererseits bin ich als Fuzzy einfach immer viel zu neugierig, was gerade passiert, wo wir aktuell sind und welche Züge uns entgegen kommen 😉 Insgesamt kann man die Nacht grob in zwei Phasen unterteilen: In den ersten Stunden fährt der Zug recht langsam über die kurvenreiche Mont Joli Subdivision durch eine hügelige Landschaft, bis gegen 1 Uhr die Stadt Mont Joli am Sankt-Lorenz-Strom erreicht wird. Danach ist die Strecke eben und gerade. In Rivière du Loup geht die Mont Joli Subdivision in die Montmagny Subdivision über. Wenig später vereinigt sich die Nebenstrecke an der St. André Junction wieder mit der direkteren Hauptstrecke aus Moncton, die wir am Vortag gegen 16:30 verlassen haben. Fortan sind für den Zug Geschwindigkeiten bis zu 130 km/h möglich, die auch nicht unbedingt zur Laufruhe der Wagen beitragen. Trotzdem lässt es sich im Schlafwagen recht gut ruhen 🙂 Der Mehrpreis für die Fahrt im Schlafwagen gegenüber dem Sitzwagen beträgt zu dieser Jahreszeit inkl. Steuern ca. 350 Dollar, also rund 220 €. Dafür bekommt man allerdings auch eine umfangreiche Verköstigung und ein privates Abteil mit eigener Toilette. Meiner Meinung nach lohnt sich der Aufpreis in Anbetracht des Reiseerlebnisses für eine einmalige Fahrt durchaus 🙂

Von hier aus sind es nur noch 17 km bis zum nächsten Verkehrshalt am Bahnhof Sainte Foy. Eigentlich sollte einer pünktlichen Ankunft um 6:13 also nichts im Wege stehen. Doch die Verspätungsprognose im VIA Rail Tracker geht minütlich weiter nach oben. Indes bleibt der Zug an Ort und Stelle stehen. Es passiert aber nichts und es zieht auch kein anderer Zug auf dem Nebengleis vorbei. Um 5:58 wird die Fahrt mit Streckengeschwindigkeit fortgesetzt.

Hinter Joffre würde die Montmagny Subdivision direkt in Richtung Montréal weiterführen. Um Québec Ville anzubinden, biegt der Zug allerdings auf die Bridge Subdivision ab. Die Nebenstrecke besteht zunächst aus einer Verbindungskurve, die kurz hinter dem Bahnsteigende des Haltepunkts Charny (dem einzigen aktiven Reisezughalt in Lévis) auf die Drummondville Subdivision aus Montréal trifft. Das ist die Strecke, die von den Corridor-Zügen der VIA Rail zwischen Montréal und Québec Ville genutzt wird. Die Verzweigungsweiche zwischen der Drummondville Sub aus Québec Ville und der Montmagny Sub aus Rivière du Loup liegt nur einige hundert Meter südlich der Verbindungskurve.


Der auf etwas über 200 m ausgebaute Bahnsteig reicht abermals nicht für den gesamten Zug, obwohl hier viele Fahrgäste aussteigen. Deshalb muss erneut zweimal gehalten werden. Zunächst steigen die Fahrgäste im vorderen Zugteil (also in den HEP-Wagen) aus und deren Gepäck wird aus dem vorderen Gepäckwagen ausgeladen. Nach 10 Minuten rückt der Zug weiter vor und die Fahrgäste in den Renaissance-Wagen dürfen auch endlich aussteigen.

Sainte Foy ist einer der beiden Bahnhöfe der VIA Rail im Stadtgebiet von Québec Ville. Der eigentliche Hauptbahnhof, die Gare du Palais, wird vom Ocean nicht angefahren, denn dafür müsste der Zug das Stadtgebiet auf einer rund 20 km lange „Stichstrecke“ umfahren, im Hauptbahnhof Kopf machen (bzw. über einen nahen Güterbahnhof drehen) und wieder bis Sainte Foy zurück fahren. Der Zeitbedarf für die Stichfahrt liegt einschließlich wenden bzw. umsetzen, optimistisch geschätzt, bei rund 90 Minuten. Um diesen Zeitaufwand würde sich die Ankunft der Mehrheit der Fahrgäste, die nach Montréal wollen, dort verzögern. Deshalb bedient der Ocean nur den Vorstadtbahnhof Sainte Foy. Für Reisende ins Stadtzentrum von Québec Ville hat VIA Rail jedoch ein Angebot:

Aus europäischer Sicht auffällig an dem Ford Transit in Bild 2-7 ist, dass das Auto vorne kein Nummernschild trägt. In den meisten Provinzen Kanadas ist für PKW per Gesetz nur ein Nummernschild am Heck des Fahrzeuges vorgeschrieben. Lediglich in British Columbia, Manitoba und Ontario müssen, wie in Europa, Nummernschilder an Front und Heck angebracht werden.
Um 6:43 verabschiedet sich Zug 15 mit 15 Minuten Verspätung rückwärts aus dem Bahnhof. Der Ocean wird über die Bridge Sub bis zum Güterbahnhof Joffre zurück geschoben und setzt ab dort seine Fahrt vorwärts für rund 500 m auf der Montmagny Sub fort, bevor diese in die Drummondville Sub in Richtung Montréal über geht. Grund für die Ankunftsverspätung in Sainte Foy ist übrigens, dass hier nur ein Bahnsteig zur Verfügung steht. Der erste Corridor-Zug des Tages, der gegen 5:50 in Richtung Montréal abfahren sollte, war wohl etwas verspätet und hatte den Bahnsteig sowie das anschließende Streckengleis über die Brücke noch belegt. Nach der Abfahrt des Nachtzuges fällt der Stationsaufsicht auf, dass drei Koffer am Bahnsteig zurück geblieben sind. Eine kurze Nachfrage ergibt, dass sie einem der fünf Mitreisenden im Taxi gehören. Der ältere Herr dachte, dass die Koffer „automatisch“ durch das Bahnpersonal in das Taxi verladen werden. Tatsächlich lädt ihm der Taxifahrer das Gepäck auch bereitwillig ins Auto – jedoch hätte der Reisende beim Einchecken in das Taxi erwähnen sollen, dass er noch Aufgabegepäck dabei hat. Mit Reisenden und Gepäck geht die Fahrt ins Stadtzentrum um 6:45 (mit +5 gegenüber dem veröffentlichten Taxi-Fahrplan) los. Über einen Schleichweg bringt der Fahrer das Taxi auf den Boulevard Champlain, der mehr oder weniger direkt dem Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms bis in die Altstadt folgt. Die Fahrt ist sehr unterhaltsam und kurzweilig, da eine jetzt in Halifax wohnhafte Mitreisende für rund 20 Jahre in Québec Ville gelebt hat und uns daher viel zur Stadt und den Sehenswürdigkeiten erzählen kann.

Damit hatte ich nicht gerechnet! Eigentlich wäre die Erwartung an eine Nachtzugreise in Kanada eher gewesen, dass es am Ende zu einer mehrstündigen Ankunftsverspätung kommt. Deshalb habe ich auch viel Puffer in das Tagesprogramm eingebaut, den wir jetzt zur Entschleunigung des Aufenthalts in Québec Ville nutzen können. Die halbwegs pünktliche Ankunft des Zuges in Sainte Foy hat einen kleinen Nebeneffekt: Frühstück wird in den Speisewagen der Nachtzüge bei VIA Rail immer erst ab 6 Uhr serviert. Wegen der planmäßigen Ankunft am Ziel um 6:13, tatsächlich gegen 6:30, ist für das Frühstück an Bord somit keine Zeit. Das macht aber nichts, denn in der Nähe der Gare du Palais befinden sich ein Bäcker und ein Supermarkt. Nur machen beide erst um 8 Uhr auf, sodass wir noch etwas Zeit in der sehenswerten Bahnhofshalle der Gare du Palais (mit kostenlosem W-LAN 😉 verbringen.


Auf diesen Bildern ist auch das Motto von VIA Rail Canada in beiden Sprachen ersichtlich: „love the way“ bzw. „la voie qu’on aime“. Eines von beiden gibt dem Reisebericht seinen Titel 😉 Frei übersetzen könnte man das mit dem deutschen Sprichwort „Der Weg ist das Ziel!“, denn für eine Fahrt mit VIA Rail muss man Zeit mitbringen. Die Nachtzug-Fahrt von Halifax nach Sainte Foy dauerte rund 20 Stunden für 1.100 km. Das macht für den Fernzug einen Schnitt von 55 km/h, den die meisten Regionalbahnen in Deutschland mitgehen könnten. Dazu ein passender Kommentar der ortskundigen Mitreisenden im Taxi: „Everything is slower in Canada!“.
Im Bahnhof können wir unser Gepäck für die anschließende Besichtigung der Stadt abgeben. VIA Rail ermöglicht Fahrgästen, die eine Reise am selben Tag ab diesem Bahnhof beginnen, eine Gepäckaufbewahrung bis zur Abfahrt des Zuges. Da wir heute am Nachmittag noch nach Montréal weiterfahren, können wir das Gepäck so lange dem Schalter hinter Tor 2 überlassen. Der Service ist für Reisende in der Business Class kostenfrei. Am Gepäckschalter treffen wir übrigens wieder auf den Taxifahrer. Offenbar gehörten doch nur 2 der 3 Koffer dem älteren Herrn aus dem Taxi; ein Koffer aus dem Zug ist somit übrig und bleibt als Fundsache hier.

Für die geplante Fahrt zum Parc Montmorency werden zwei Einzelfahrkarten erworben, die mit Kreditkarte bezahlt werden können. Beide werden auf einer nicht-wiederaufladbaren kontaktlosen „Papierfahrkarte“ (Carte Occasionnelle) gespeichert. Der Kauf am Schalter bringt gegenüber dem Barverkauf beim Busfahrer zwei Vorteile:
- Die einzelne Fahrt kostet nur 3,70 $ statt 4,00 $ (also ca. 2,30 € statt 2,50 €).
- Es muss kein passendes Bargeld vorhanden sein.
Mit der Fahrkarte in der Tasche besorgen wir uns ein kleines Frühstück beim Bäcker und frischen unseren Wasservorrat für den weiteren Tag im Supermarkt auf. Dann ist es schon 8:30 und wir stellen uns neben dem Bahnhofsgebäude an die Hauptstraße, wo der Métrobus 800 in Richtung Parc Montmorency abfährt. Der etwas außerhalb gelegene Park öffnet um 9:00 und die Fahrt dauert planmäßig rund 35 Minuten, sodass es zeitlich ganz gut passt. In Québec Ville werden Haltestellennamen nach dem aus Deutschland bekannten System verwendet. Das heißt, jede Haltestelle ist maximal nach einer Straße benannt (i. d. R. einer Nebenstraße, die von der gerade befahrenen Hauptstraße abzweigt). Zu dieser Tageszeit ist der Bus abschnittsweise sehr gut ausgelastet mit Schülern. An der Haltestelle Larue leert er sich schlagartig, da hier eine größere Schule angesiedelt ist.

Auch vor der Schule in der Avenue Larue versammeln sich kurz vor Schulbeginn die gelben Schulbusse. Die meisten Schüler in Kanada haben einen Anspruch auf diese Art der Schülerbeförderung; mehr als die Hälfte aller Schüler landesweit nutzen den Schulbus für ihren Schulweg. Dabei handelt es sich trotzdem nicht um ÖPNV nach unserem Verständnis, denn die Schulbusse sind den Schülern der jeweiligen Schule vorbehalten und die Fahrpläne der Touren werden nicht veröffentlicht. Am ehesten ist das Modell mit dem freigestellten Schülerverkehr in Deutschland (z. B. an Privatschulen) zu vergleichen. Aufgrund der regen Präsenz der gelben Schulbusse auf nordamerikanischen Straßen sind sie inzwischen zu einem Symbol für die USA und Kanada schlechthin geworden.

Die Endhaltestelle erreichen wir kurz nach 9 Uhr. Sie liegt etwas oberhalb des Parks, sodass ankommende Besucher die Avenue Royale noch einige hundert Meter zurück gehen müssen. Aufgrund umfangreicher Bauarbeiten liegt der Eingang des Parks zum Zeitpunkt der Reise am Besucherparkplatz im Chemin du Manoir.


Wofür zahlen Besucher hier nun 16 Dollar (10 €)? Die Hauptattraktion des Parks ist…

Die Chute Montmorency ist ein rund 80 Meter hoher Wasserfall, an dem der Fluss Montmorency zur Mündung in den Sankt-Lorenz-Strom in die Tiefe stürzt. Der Wasserfall zählt heute zu den touristischen Hauptattraktionen des Québec. Leider spielt das Wetter an diesem bedeckten Tag nicht ganz mit, sodass sich immerhin der Besucherandrang in Grenzen hält. An guten Tagen konzentrieren sich hier die Massen – und wie es sich für Nordamerika gehört, wird die Naturschönheit mit allen möglichen Attraktionen zugebaut, um den maximalen Profit daraus zu ziehen. Neben einigen Aussichtsplattformen und der Hängebrücke über den Wasserfall gehören hier eine Seilbahn, eine Zip-Line, ein (Fast Food)-Restaurant und natürlich ein Souvenir-Shop dazu. Im Winter, wenn der Unterlauf des Montmorency unterhalb des Wasserfalls oberflächig zu friert, können Besucher zudem Schneeschuhe für eine Begehung der Eisfläche mieten.



In Bild 2-18 versteckt sich nebenbei bemerkt ein Bahnhof 😉 Die Brücke vor dem Gebäude trägt u. a. eine Bahnstrecke, die im Sommer durch den Train de Charlevoix befahren wird. Wer rund 300 Dollar (um die 190 €) übrig hat, kann hier einen Tagesausflug mit einem aus Deutschland importierten Triebwagen der Baureihe 628 entlang des Sankt-Lorenz-Strom unternehmen. Für uns kommt das aber Mitte Mai nicht in Frage, denn die Saison beginnt erst im Juni.

Trotz des schlechten Wetters tummeln sich einige Schüler- und Reisegruppen im Park. Der einsetzende Regen möchte aber so schnell nicht nachlassen. Deshalb gehen wir zurück zur Bushaltestelle und fahren mit dem nächsten Métrobus der Linie 800 zurück in die Stadt.

Bei weiterhin regnerischem Wetter erkunden wir nun die Innenstadt von Québec Ville.




Im Gegensatz zu vergleichbaren Gebäuden in Europa und in den USA gibt es hier keine strengen Abschottungs- und Sicherungsmaßnahmen. Im Gegenteil: Das Parlament lädt Besucher förmlich dazu ein, das Gebäude zu betreten und eine Ausstellung zur Kunst und Geschichte Québecs im Untergeschoss zu besichtigen. Natürlich sind einige Polizei- und Sicherheitskräfte zur Absicherung vor Ort und vor dem Eintritt in die Ausstellung ist eine kleine Sicherheitsschleuse zu durchlaufen. Trotzdem steht das Parlamentsgebäude hier dem Volk offen und das ohne Registrierung und Termin. Da ich mit bildender Kunst jedoch nicht viel anfangen kann, lassen wir die Ausstellung aus und stellen uns im Foyer nur kurz unter. Dann geht die Regentour durch die Altstadt weiter 😉


Die Talfahrt mit der Standseilbahn, die baulich eher einem Schrägaufzug gleicht, nehmen wir natürlich mit, nachdem wir die Luftseilbahn im Parc Montmorency bereits ausgelassen haben. Die Fahrt, die rund eine Minute dauert, kostet 6 Dollar (3,75 €) und wird von einem Mitreisenden passend kommentiert: „I don’t know if this is worth 6 bucks!“ Zugegeben erspart der Aufzug bergab nur einen kurzen Umweg, den man locker in wenigen Minuten zu Fuß bewältigen könnte.

Die Altstadt von Québec Ville wirkt für Nordamerika sehr untypisch. Sie ist fast vollständig verkehrsberuhigt und besticht mit dicht bebauten schmalen Gassen, die zum Flanieren einladen. Fast wie in Frankreich 🙂





Dort nehmen wir unser Gepäck entgegen und warten bis zum Beginn des Boardings in der Business Lounge – den leicht irritierten Blicken der anderen Wartenden zum Trotz, denn in Folge der Nacht im Schlafwagen ohne Dusche einerseits und des Regenwetters in der Stadt andererseits sehe ich inzwischen recht abgekämpft aus…

Rund 20 Minuten vor der Abfahrt wird der Bahnsteig für den Einstieg freigegeben. Am Bahnsteigzugang ist lediglich der Fahrschein vorzuzeigen; eine Ausweiskontrolle findet nicht statt.

Zur Modernisierung der alternden Fahrzeugflotte hat VIA Rail für ihre Corridor-Verbindungen Neufahrzeuge bei Siemens bestellt, die seit 2022 sukzessive ausgeliefert werden. Die Züge bestehen aus einer dieselelektrischen Lokomotive der Baureihe Siemens Charger sowie 5 Reisezugwagen vom Typ Siemens Venture. Der letzte Wagen ist ein Steuerwagen und ermöglicht den Einsatz der Garnituren als Wendezug. Das ist insbesondere auf der Verbindung Québec Ville – Montréal – Ottawa relevant, da alle Züge in Montréal Kopf machen. Auf den anderen Corridor-Strecken kommen zu diesem Zeitpunkt allerdings auch noch Altfahrzeuge zum Einsatz, wie wir in den kommenden Tagen sehen werden.
Am Bahnsteig steht, in Bild 2-35 leider kaum erkennbar, vor jedem Wagen eine Person des Zugteams und hält ein Schild mit der Wagennummer hoch. Wir gehen vor zu Wagen 2. Dort fragt die Zugbegleiterin – wohl auch in Anbetracht meines aktuellen äußeren Zustandes – zweimal nach, ob ich wirklich einen Sitzplatz in diesem Wagen habe. Ja, habe ich, sehen Sie hier auf der Fahrkarte, da steht es 😉 Etwas widerwillig gibt sie mir den Weg in die nur schwach ausgelastete Business Class frei. Obwohl am Bahnsteigzugang bereits nach den Fahrkarten geschaut wurde, erfolgt kurz vor der Abfahrt noch eine separate Fahrscheinkontrolle am Platz. Wie bereits im Nachtzug, sucht sich auch hier das Zugpersonal ein Zufallsopfer pro Wagen für die Sicherheitseinweisung in die Türnotentriegelung aus. Zudem werden die Fahrgäste, die an Notausstiegsfenstern sitzen, auf die Nothämmer hingewiesen. Um 14:57 rollt der Zug pünktlich aus dem Bahnhof. Mit überwiegend rund 60 km/h befährt Zug 39 die Bridge Subdivision in Richtung Sainte Foy, die das Stadtgebiet von Québec Ville einmal umrundet.

Nach 20 km Strecke und 25 Minuten Fahrzeit hält Zug 39 zum Zustieg in Sainte Foy. Interessanterweise steigen dort fast mehr Reisende zu als am Hauptbahnhof. Ursächlich dafür ist wohl die bessere Erreichbarkeit des Vorstadtbahnhofs mit dem Auto. Der Bahnhof liegt direkt an einer Schnellstraße. Sowohl für Fahrgäste, die sich von Bekannten zum Bahnhof fahren lassen, als auch für Park and Ride ist der Bahnhof Sainte Foy daher attraktiver als die Gare du Palais im Stadtzentrum.

Auf der anderen Seite des Sankt-Lorenz-Stroms durchfährt Zug 39 den Bahnhof Charny im Stadtgebiet von Lévis ohne Halt. Wenig später passiert der Zug die West Junction, an der sich die Drummondville Sub und die Montmagny Sub aus Richtung Rivière du Loup zu einer Hauptstrecke in Richtung Montréal vereinigen. Danach kann der Tf endlich einmal richtig beschleunigen, denn die Hauptstrecke ist weitestgehend für Geschwindigkeiten bis 150 km/h ertüchtigt.

Nach 5 Minuten war es das erst einmal mit der flotten Fahrt und der Tf muss auf rund 20 km/h herunter bremsen. Im Betriebsbahnhof Trudel geht es für den Reisezug auf das Siding (Ausweichgleis). Dort schleichen wir in Schrittgeschwindigkeit voran, während auf dem Hauptgleis ein Güterzug entgegen kommt. Der ist zwar mit ca. 100 km/h unterwegs, braucht aber aufgrund seiner stolzen Länge trotzdem mehr als 3 Minuten, bis die gesamte Zuglänge an uns vorbeigezogen ist. Das Zugpersonal macht indes eine Durchsage und betont, dass es sich beim Warten auf den entgegenkommenden Güterzug um einen „normalen Vorgang“ handelt. Ein planmäßiger Betriebshalt kann es jedoch eigentlich nicht sein, denn die Verspätungsprognose geht nach der Wiedereinfahrt in das Hauptgleis auf +5 hoch. Immerhin darf der Corridor-Zug im Hauptgleis wieder auf rund 150 km/h beschleunigen. Gute 30 km kommen wir so voran, ehe es in Fortier nahe der Gemeinde Saint Janvier de Joly wieder ins Nebengleis geht. Hier kreuzt Zug 39 den entgegen kommenden Corridor-Zug 24, der mit rund 55 Minuten Verspätung unterwegs ist. Die eigene Verspätung summiert sich dadurch schon auf +10.
In der Business Class ist ein „light cold meal“ im Reisepreis inbegriffen. Erst gibt es ein kleines Getränk und eine kleine Snacktüte mit Nüssen etc. Dann wird nach Wahl eine Käse- oder Salami-Platte ausgeteilt. Ich entscheide mich für die vegetarische (und weniger fettige) Option. Neben verschiedenen Käse-Stücken werden zwei Scheiben Brot, ein Brötchen und ein Stück Kuchen gereicht. Die „freundliche“ Zugbegleiterin gibt mir weiterhin subtil zu verstehen, was sie von meiner Präsenz in der Business Class hält. Während sie mit den „standesgemäß“ aussehenden Fahrgästen nach deren Präferenz in Englisch oder Französisch kommuniziert, spricht sie mit mir konsequent Französisch, während ich ihr konsequent auf Englisch antworte. Nun, ich bin zwar eigentlich nicht so, aber ich verspüre schon ein wenig Schadenfreude, dass sie mich hier und heute bedienen muss 😉
Nach dem Menü, es ist inzwischen 16:40, geht es für den Zug in Daveluyville zum dritten Mal in ein Nebengleis. Wieder kommt ein Güterzug entgegen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Personenzüge in Kanada keine generelle Vorfahrt vor Güterzügen haben. In den USA gibt es dazu ein Gesetz, welches Amtrak-Zügen Vorrang vor Güterzügen einräumt. In Kanada unterliegt VIA Rail den dispositiven Entscheidungen der Bahngesellschaft, welche die Infrastruktur betreibt (host railroad). Und wenn die einem eigenen Güterzug Vorrang geben möchte, der ihr einen wesentlich höheren Ertrag einbringt als die Trassengebühren des Reisezuges, dann hat VIA das Nachsehen. Inzwischen beträgt die Verspätung deshalb +15. Dabei bleibt es aber nicht, denn zwischen Saint Cyrille und dem nächsten Verkehrshalt Drummondville gibt es eine Signalstörung, wegen der wir mehrere Kilometer auf Sicht mit maximal 25 km/h fahren können. Da fühlen sich die 50 km/h im Bahnhofsbereich, nachdem das funktionsfähige Einfahrsignal von Drummondville endlich passiert ist, schon fast schnell an. Bei einsetzendem Regen verlässt Zug 39 Drummondville mit rund 30 Minuten Verspätung. Im weiteren Fahrtverlauf kommt noch eine vierte Kreuzung mit dem leicht verspäteten VIA-Zug 26 in Saint Édouard dazu. Bei allen vier Kreuzungen war es unser Zug, der in das Siding musste und dadurch Verspätung aufgebaut hat.

Gegen 18:00 passiert der Zug Saint Hyacinthe. Dort geht die eingleisige Drummondville Subdivision in die zweigleisige Saint Hyacinthe Subdivision über. Eigentlich müsste es jetzt doch endlich behinderungsfrei vorangehen, oder? Zunächst schon und gegen 18:15 passieren wir in der Gemeinde Mont-Saint-Hilaire den Endpunkt des Vorortverkehrs von Montréal. Leider läuft der Fernzug dann aber auf einen vorausfahrenden Güterzug auf. Auf das Gegengleis wechseln können wir nicht, denn da kommen neben Fern- und Güterzügen auch Vorortzüge in vergleichsweise dichter Zugfolge entgegen. Bis zum nächsten Halt in Saint Lambert bleibt der Corridor-Zug daher hinter dem Güterzug. In Saint Lambert beträgt die Verspätung schließlich 50 Minuten.

Über den Schifffahrtskanal östlich des Sankt-Lorenz-Stroms gibt es zwei parallel verlaufende Eisenbahnbrücken. Da bei einer Schleusung eines großen Schiffs die Eisenbahnbrücken gehoben werden müssen, ist dann trotzdem immer ein durchgehender Verkehr möglich. Je nachdem, auf welcher Seite das Schiff gerade in die Schleuse ein- oder ausfährt, ist die gesenkte Brücke auf der jeweils anderen Seite für die Eisenbahn weiterhin befahrbar. Die Vereinigung beider Brücken befindet sich mitten im Sankt-Lorenz-Strom (die Fahrkante der Abzweigweiche ist in Bild 2-40 erkennbar).



Das Hotel liegt einige (Häuser-)Blocks entfernt, sodass wir dorthin die Métro nehmen. Die fährt aber nicht direkt in bzw. unter der Gare Centrale ab, sondern an einer benachbarten Haltestelle.


Für den Übergang vom Bahnhof zur Metro sollte man mindestens 5 Minuten einplanen, denn er zieht sich länger als erwartet. An der Station angekommen werden 3,75 $ (2,35 €) in eine Einzelfahrt investiert, die erneut auf einer nicht-aufladbaren kontaktlosen „Papierfahrkarte“ (L’Occasionnelle) ausgegeben wird. Mit der Linie 2 fahren wir zur Umsteigehaltestelle Berri-UQAM. UQAM steht für Université du Québec à Montréal.


Wenig später beziehen wir das Hotelzimmer für die nächsten beiden Nächte in Montréal. Dann ist für heute auch schon bald Schluss, denn die lange Fahrt im Nachtzug und das schlechte Wetter haben mir (wie auch die nette Zugbegleiterin bereits festgestellt hatte 😉 sichtlich zugesetzt. Nur einmal gehe ich abends kurz raus, um ein paar Snacks und Getränke für die nächsten beiden Tage zu besorgen. Das erledigt man in Montréal im „Dépanneur“. So nennen sich die kleinen Lebensmittelgeschäfte, die hier an jeder Ecke zu finden sind. Die Franzosen werden mit dieser Wortwahl wohl eher mäßig glücklich sein, denn in Frankreich ist ein „dépanneur“, wie der Name sagt, ein Handwerker, der bei Pannen und Havarien hilft. Und nichts anderes! Dass das Französische im Québec teils signifikant von der französischen Hochsprache abweicht, werden Sprachkundige dort häufiger feststellen. Nichts desto trotz kommt man mit europäischem Französisch im Québec ganz gut durch und zumindest auf meiner Reise konnten alle Mitarbeiter im Verkauf und Service auch Englisch. Wer nur Englisch spricht, ist im Québec also keinesfalls verloren 😉
Am nächsten Tag erkunden wir bei zeitweise besserem Wetter die Umgebung von Montréal. Das Tagesprogramm ist dabei sehr kontrastreich. Einerseits besuchen wir ein Eisenbahnmuseum, andererseits nutzen wir ein brandneues innovatives Verkehrsmittel 🙂