Tag 1 / 16

Zurück zur Übersicht

Zurück zum Hinflug

Nach 11 Stunden Flug und der erfolgreichen Einreise haben wir es endlich geschafft und sind in Japan angekommen.

Bild 1-1: Terminalgebäude des Kansai Airports

Kansai Airport ist der internationale Flughafen der Region um Ōsaka. Der Flughafen liegt aufgrund seines Platzbedarfs auf einer künstlich angelegten vorgelagerten Insel in der Seto-Inlandsee vor der Küste der Stadt Izumisano, rund 35 Kilometer südlich des Stadtzentrums von Ōsaka. Die erste Bahnfahrt in Japan wird demnach vom Flughafen in die Innenstadt von Ōsaka führen. Vorher kaufe ich allerdings bei einem der Mobilfunkanbieter im Terminal eine Daten-SIM für meinen Aufenthalt. Für die nächsten 16 Tage erhalte ich einen Unlimited-Tarif (mit „fair use“-Klausel, die man aber nur mit absurd hohem Datenverbrauch ausreizen kann) für 7.000 Yen (43,75 €). Nicht günstig, dafür stimmen Service und Leistung. Die Mitarbeiterin, die fließend Englisch spricht, setzt die Karte in mein Gerät ein und geht mit mir so lange die Konfiguration durch, bis es schließlich funktioniert. Die Netzabdeckung ist gut und außer an den „üblichen“ Stellen (in engen Bergtälern und in der U-Bahn z. B.) hatte ich immer besseres Internet als zu Hause bei meinem deutschen Anbieter. Nun kann die (Bahn-)Reise aber losgehen und wir begeben uns zum Flughafen-Bahnhof.

Bild 1-2: Der Bahnhof Kansai Airport liegt unmittelbar nördlich von Terminal 1 und wird von zwei Bahngesellschaften gemeinsam betrieben.

Vom Flughafen ausgehend führen zwei Bahnstrecken in die Stadt: Eine Strecke der privaten Nankai Railway sowie eine der JR West, einer der 7 Nachfolgegesellschaften der ehemaligen japanischen Staatsbahn JNR (Japan National Railways), die 1987 privatisiert wurde. Von den 7 Unternehmen, die aus der Staatsbahn hervor gingen und heute als JR (Japan Railways) auftreten, betriebt eines landesweit den Güterverkehr und die übrigen jeweils regional den gesamten Personenverkehr. Neben den JR-Bahnen gibt es in Japan jedoch auch viele private (profi-orientierte) Bahngesellschaften sowie Bahnen in öffentlich-privater Trägerschaft („public-private partnership“). Wir werden die vielen Facetten des japanischen Eisenbahnwesens in den nächsten Tagen noch genauer kennen lernen. Zunächst benötigen wir allerdings eine Fahrkarte.

Bild 1-3: Am Fahrkartenschalter der JR West sind online vorbestellte Japan Rail Pässe erhältlich.

Die meisten längeren Fahrten werden wir mit den JR-Bahnen absolvieren, sodass ich dafür einen Japan Rail Pass als „japanisches Interrail“ reserviert habe. Den Pass kann man einen Monat vor Reisebeginn online auf der dafür eingerichteten offiziellen Webseite (japanrailpass.net, erkennbar daran, dass die Seite durch die JR Japan Railways Group betrieben wird) kaufen. Im Anschluss können ebenfalls mit einem Monat Buchungsvorlauf auf dieser Webseite Sitzplatzreservierungen getätigt werden, die alle kostenlos und im Pass inkludiert sind. Einige Fahrten auf beliebten Strecken bzw. zu reisestarken Tageszeiten hatte ich so bereits vorab reserviert. Die Ausgabe der Passfahrkarte erfordert allerdings ein persönliches Vorsprechen am Fahrkartenschalter. Das Reisezentrum der JR West am Flughafen-Bahnhof ist an diesem Montagmorgen schwach frequentiert, sodass ich direkt bedient werde. Ich zeige dem Mitarbeiter, der einige Worte Englisch spricht, einen Zettel mit meiner Bestellnummer und er prüft daraufhin meinen Reisepass. Um einen Japan Rail Pass ausgestellt zu bekommen, benötigt man nämlich den Einreisestatus „Temporary Visitor“, der allerdings mit dem Einreisegrund „Tourism“ auf dem Einreiseformular automatisch vergeben wird. Kurz darauf händigt er mir meine Passfahrkarte aus – ein kleines grünes Ticket, das durch die automatischen Bahnsteigsperren gelesen werden kann. Er bietet mir zudem an, auch die 7 vorab getätigten Sitzplatzreservierungen auszudrucken – mit dem Hinweis, dass das doch „einige“ seien. Wenn der wüsste was ich noch vor habe… 😉 Wie auch immer: Die Fahrten mit den JR-Bahnen ab Tag 3 sind nun abgedeckt. Für die übrigen Fahrten besorgen wir uns an einem benachbarten Fahrkartenautomaten eine Bezahlkarte. In Japan gibt es ein landesweites System an Bezahlkarten („IC-Cards“) für den öffentlichen Verkehr, die nach dem Check-In-Check-Out-Prinzip genutzt werden können. Die Karten werden dabei ähnlich der Oyster Card in London oder der navegante-Karte in Lisboa als nicht-personalisierte Chipkarte regional vertrieben, sind allerdings vergleichbar zur niederländischen OV-Chipkaart national einsetzbar, also auch über die Grenzen des ausgebenden Unternehmens hinaus. Die im Raum Ōsaka erhältliche IC-Card der JR West heißt ICOCA. Mit dieser Karte werde ich in den nächsten Tagen mit wenigen Ausnahmen alle ÖPNV-Fahrten (die nicht schon im Japan Rail Pass enthalten sind) bezahlen können. Ein kleiner Nachteil: Die Bezahlkarte kann nur mit Bargeld aufgeladen werden. Das Aufladen ist an fast jedem Fahrkartenautomaten möglich, aber eben nicht mit Kreditkarte. Andererseits kann die aufgeladene Bezahlkarte auch zum Bezahlen an den landestypischen Getränkeautomaten oder in vielen Lebensmittelgeschäften genutzt werden.

Die Formalitäten erledigt, fahren wir nun in die Stadt. Fragt sich nur noch: Mit wem?

Bild 1-4: In der Bahnhofshalle bewerben Nankai (links in orange) und JR West (rechts in blau) ihre Angebote.

Da wir den Flughafenexpress der JR West am letzten Reisetag mit dem Japan Rail Pass ohne Mehrkosten nutzen können, entscheiden wir uns für den privaten Wettbewerber. Der Konkurrenzkampf zeigt sich deutlich bei den Fahrpreisen. Die 43 Kilometer lange Strecke zum Endbahnhof Namba der Nankai Railway in Ōsaka ist eine Stunde vor Abfahrt in einem Schnellzug der Gattung „Limited Express“ in der 1. Wagenklasse (bei Nankai als „Super Seat“ bezeichnet) zum Festpreis von 1.700 Yen (10,65 €) zu haben. Sitzplatzreservierung mit platzgenauer Auswahl aus einer Wagenskizze am Automaten mit englischsprachigem Menü inklusive (und es sind noch viele Plätze frei). Zum Vergleich: Der Münchener Verkehrsverbund verlangt für die einzelne Fahrt vom Hauptbahnhof zum Flughafen auf einer ähnlich langen Strecke derzeit 14,30 € für die Fahrt in der 2. Klasse der S-Bahn.

Bild 1-5: Am Bahnsteig des Tiefbahnhofs unter dem Flughafen steht zunächst noch ein Nahverkehrstriebwagen der Semboku Railway Baureihe 3000 (der von der Nankai Railway gekauft und einem Redesign unterzogen wurde) als Airport Express in Richtung Ōsaka bereit.
Bild 1-6: Nach der Abfahrt zieht dieser futuristische Triebzug der Baureihe 50000 an den Bahnsteig vor, der den Limited Express „rapi:t α “ nach Ōsaka bildet. Im Hintergrund ist das Konkurrenzprodukt, der Limited Express „Haruka“ der JR West, zu erkennen.

„Limited Express“ sind bei den meisten Gesellschaften die zuschlagpflichtigen Schnellzüge im Netz der konventionellen japanischen Eisenbahn. Sie nehmen sehr grob betrachtet die Funktion der deutschen Intercity-Züge ein. Zur Identifikation eines reservierungspflichtigen Zuges wird in Japan meist nicht die (interne) Zugnummer, sondern ein Zugname in Verbindung mit einer fortlaufenden Nummer verwendet. Der Flughafen-Schnellzug der Nankai Railway wird als Limited Express „rapi:t“ bezeichnet. „rapi:t“ (bzw. die Form ohne Aussprachezeichen) ist gemäß eigener Aussage des Unternehmens ein deutsches Wort für „schnell“ und wird daher für den Zug als schnellstes Angebot vom Flughafen in die Stadt verwendet. Möglicherweise ist diese Bezeichnung ein Überbleibsel der Berichterstattung über den Transrapid. Im Weiteren wird mit dem Zusatz α und β das Halteschema gekennzeichnet. Ein rapi:t β würde zweimal öfter unterwegs halten als unser rapi:t α.

Bild 1-7: Für ca. 10 € erhalten wir ordentlich Platz für das Gepäck und einen bequemen Einzelplatz mit passender Ausrichtung zum Fenster 🙂

Der Zug verlässt den Flughafen-Bahnhof wie erwartet pünktlich und quert daraufhin die lange Brücke, die den Flughafen mit dem Festland verbindet. Bis zum ersten Halt auf dem Festland, Rinku Town, nutzen die Züge der Nankai Railway gemeinsam mit den Zügen der JR West eine gerade zweigleisige Strecke, die der Zug mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h befahren kann. Hinter Rinku Town biegt der Zug über eine Verbindungskurve auf die zweigleisige Nankai Main Line in Richtung Ōsaka ein. Am Verzweigungsbahnhof Izumisano erfolgt noch ein Zwischenhalt, bevor der Limited Express bis kurz vor Ōsaka durchfahren kann. Die 1. Klasse hat sich bis zur Abfahrt in Izumisano auf ca. 10 Fahrgäste (bei rund 30 Sitzplätzen) „gefüllt“. Die weitere Fahrt erfolgt zwar ohne Halt, allerdings phasenweise sehr flott und phasenweise eher gemächlich. Grund dafür ist, dass der Schnellzug auf der stark befahrenen Strecke mehrmals planmäßig auf vorausfahrende Local-Züge aufläuft.

Bild 1-8: Dreimal überholen wir zwischen Izumisano und dem nächsten Halt Tengachaya je einen Local an verschiedenen Überholungsbahnhöfen.

Der Tf des Limited Express wählt die Geschwindigkeit dabei so, dass der Zug vor den Überholungsbahnhöfen solange ausrollt, bis der vorausfahrende Zug die Strecke geräumt hat. Dann dreht er die Leistung wieder voll auf und wir passieren bei voller Fahrt den Überholungsbahnhof. Insgesamt verläuft die ungleichmäßige Fahrt daher trotzdem angenehm und vor allem pünktlich. Die Fahrscheinkontrolle im Zug ist indes ebenfalls entspannt: Der Zugchef betritt unseren Wagen, geht bis zur vordersten Reihe durch, dreht sich um, verbeugt sich vor den Fahrgästen und gleicht auf dem Rückweg die Platzbelegung mit den Reservierungsdaten auf seinem Mobilgerät ab. Den Komfort-Check-In gibt es in reservierungspflichtigen Wagen in Japan demnach ebenfalls kostenlos und ohne weiteres Zutun der Fahrgäste. Nur wenn jemand falsch sitzt oder ohne Reservierung eingestiegen ist, wird diese Person zur Kontrolle angesprochen und kann sich dann ggf. umsetzen oder den fehlenden Zuschlag ohne Aufpreis nachlösen. Nach 30 Minuten erreichen wir pünktlich den Endbahnhof Namba im Stadtzentrum von Ōsaka.

Bild 1-9: Der Limited Express rapi:t α 2 hat den Zielbahnhof Namba erreicht.

Nachteil der Nankai Railway ist in unserem Fall, dass sich deren Endbahnhof in Ōsaka noch einige Kilometer vom Hotel entfernt befindet. Vom Hauptbahnhof der JR West, der einfach nur Ōsaka genannt wird, wären es dagegen nur einige Minuten zu Fuß. Ab Namba müssen wir daher das fehlende Stück zum JR-Bahnhof mit der Metro zurücklegen. Die Midosuji Line benötigt von Namba aus 10 Minuten zur Station Umeda, die unterirdisch mit dem JR-Bahnhof verknüpft ist. Vor der Reise habe ich noch überlegt, ob ich mein Gepäck auf die Fahrt in die Stadt mitnehmen soll oder nicht. Denn: U-Bahnen in Japan können voll werden und da sind Reisende mit viel Gepäck nicht gerne gesehen. Kurierdienste können für vergleichsweise kleines Geld Abhilfe schaffen. Allerdings geht die Gepäckmitnahme in der U-Bahn um 12:00 durchaus und die Auslastung ist auch nicht viel höher als in deutschen Verkehrsmitteln zu dieser Zeit. Ich steige in den letzten Wagen ein und finde für meinen Koffer ausreichend Platz zwischen der letzten Tür und der angrenzenden Sitzbank. Das kleine Gepäck kann in der Gepäckablage verstaut werden. So brauche ich im Zug auch nicht mehr Platz als eine etwas stämmigere Person (von denen es in Japan aber nicht viele gibt).

Am Bahnhof Ōsaka angekommen gilt es nun, das Gepäck loszuwerden, denn der Check-In im Hotel ist erst ab 15:00 möglich. Dafür stehen auf dem weitläufigen Bahnhofsgelände an mehreren Stellen Schließfächer bereit. An den ersten beiden Standorten, die ich nahe des Central Gate ansteuere, habe ich Pech und alle großen Fächer sind belegt. Dann erreiche ich den 3. Standort am South Exit vor dem Busbahnhof.

Bild 1-10: Busbahnhof des Stadtverkehrs vor dem JR-Bahnhof Ōsaka

Auf den ersten Blick sind dort auch alle Fächer belegt – auf den zweiten Blick bemerke ich, dass auch auf der Rückseite zur Hecke hin noch eine Reihe Schließfächer aufgebaut ist. Dort werde ich schließlich fündig. Für 700 Yen (4,40 €) bekomme ich für den Rest des Tages einen Koffer, eine Reisetasche und einen Rucksack in einem einzigen großen Fach unter.

Bild 1-11: Die Benutzung der Schließfächer ist dank IC-Card sehr leicht: Schließfachnummer am Terminal eingeben, Karte dranhalten, damit bezahlen und Quittung entgegennehmen.

Schon können wir uns befreit der Stadt Ōsaka, unserer Heimat für die nächsten 16 Tage, widmen.

Bild 1-12: Mit einem Nahverkehrszug der Baureihe 223 erreichen wir über die Ōsaka Loop Line der JR West, eine Ringlinie um die Innenstadt von Ōsaka, zunächst den Bahnhof Tennōji im Süden der Stadt.
Bild 1-13: Am Bahnsteig gegenüber fährt gerade ein Zug der etwas älteren Baureihe 221 ein.
Bild 1-14: Sehr verbreitet in japanischen Großstädten sind weitläufige unterirdische Passagen, so z. B. diese hier um die Metro-Station Tennōji. Manche enthalten sehr geschäftige Ladenzeilen mit Restaurants und kleinen Läden.
Bild 1-15: Endlich angekommen, aber wo denn…? 😉
Bild 1-16: Nahe des Bahnhofs Tennōji befindet sich eine große Wiese inmitten der Stadt. Bis 2015 war das Gelände Teil des eintrittspflichtigen Tennōji-Parks. Heute dient es als Naherholungsgebiet für die Einwohner der Stadt und ist kostenfrei nutzbar.
Bild 1-17: Westlich des Tennōji-Parks, der zu großen Teilen aus einem Zoo besteht, liegt das Stadtviertel Shinsekai.
Bild 1-18: Zentrum des Viertels bildet der Tsūtenkaku, ein Aussichtsturm.
Bild 1-19: Blick auf die Kunst unter dem Turm.
Bild 1-20: An den Turm schließt eine Einkaufsmeile an.

Da die Entfernungen in japanischen Großstädten nicht zu unterschätzen sind, setzen wir unsere Erkundung mit der Sakaisuji Line der Ōsaka Metro fort.

Bild 1-21: Liniengrafik der Sakaisuji Line. Die Linie der Ōsaka Metro geht am Bahnhof Tenjinbashisujirokuchōme über in die Senri Line der Privatbahn Hankyū, die wiederum in die Hankyu Kyōto Line mündet. Diese Strecke führt bis (bzw. unter) das Stadtzentrum von Kyōto und ermöglicht dadurch durchgehende Fahrten zwischen den beiden Innenstädten. Zudem gibt es zwei weitere Zweigstrecken, sodass Reisende in Richtung der Kyōto Line aufpassen müssen, ob ihr Zug den richtigen Abzweig befährt.
Bild 1-22: Die Ōsaka Metro nutzt, wie viele Eisenbahnunternehmen in Japan, Bahnsteigtüren. Gerade ist ein Zug der Hankyū Railway eingefahren.
Bild 1-23: Trotz des etwas altmodischen Designs der Züge sind diese technisch in einem Top-Zustand und auch die gut gepolsterten Sitzbänke in Längsanordnung sind äußert bequem.
Bild 1-24: Eine weiteres nützliches Informationsangebot der Ōsaka Metro: Reisende können auf Aushängen erkennen, welcher Wagen an der Zielstation am nächsten an den Treppen / Aufzügen hält und sich entsprechend für den Zustieg positionieren.
Bild 1-25: Auch die Orientierung in den Stationen ist dank nummerierter Ausgänge sehr einfach.
Bild 1-26: Nach wenigen Minuten erreichen wir mit der Sakaisuji Line die Station Nippombashi, die über eine der größten unterirdischen Passagen mit der Station Namba den parallel verlaufenden Midosuji und Yotsubashi Lines sowie mit den Bahnhöfen von JR West, Hanshin und Kintetsu verbunden ist. Die Entfernung vom blauen A zum gelben B beträgt rund 1,5 Kilometer, die sich mit der Sen’nichimae Line der Ōsaka Metro abkürzen lassen.
Bild 1-27: In der Passage befindet sich auch eine kleine Kunstausstellung.
Bild 1-28: Wir verlassen die Passage am Ausgang B25 und gelangen zurück an die Oberfläche.

Damit Passanten in den angrenzenden Einkaufsstraßen auch oberirdisch vor den zu manchen Jahreszeiten sehr starken Niederschlägen geschützt sind, ist der Straßenraum abschnittsweise überdacht.

Bild 1-29: Überdachte Fußgängerzone im Einkaufsviertel Namba.

Namba ist ein zentral gelegenes geschäftiges Einkaufsviertel, das aufgrund der zentralen Bahnhöfe mehrerer Gesellschaften gerade zur Hauptverkehrszeit stark von Ein- und Auspendlern frequentiert wird.

Bild 1-30: Trotz der dichten Bebauung bietet der Namba Hiroba Square Platz für Fußgänger und zum Verweilen.
Bild 1-31: Diese Kreuzung schließt direkt an den Platz an und weist eine in Japan ebenfalls sehr verbreitete Besonderheit auf: Das „Grüne Viereck“.
Alle Fußgängerströme bekommen an der Kreuzung gleichzeitig Grün, während der Kfz-Verkehr warten muss. Fußgänger (und Radfahrer) überqueren die Kreuzung dann kreuz und quer so, dass sie auf kürzestem Weg am richtigen Ziel ankommen.
Leider bedeutet diese Form der Ampelschaltung aber auch lange Wartezeiten auf die nächste Grünphase, wenn man sie gerade verpasst hat.

Unmittelbar nördlich von Namba liegt das Ausgehviertel Dotonbori, das von vielen Touristen bei Nacht als eine der Hauptattraktionen von Ōsaka aufgefasst wird. Am frühen Nachmittag hält sich der Trubel dort aber noch in Grenzen.

Bild 1-32: Dotonbori hat seinem Namen von dem gleichnamigen Fluss, der das Stadtviertel durchquert.
Bild 1-33: Östlich der Ebisu Bridge warten neben einem etwas eigenartig geformten Riesenrad viele Bars und Restaurants auf Laufkundschaft.

An der Station Nippombashi treffen wir wieder auf die Sakaisuji Line und rücken damit weiter in den Norden des Stadtzentrums vor.

Bild 1-34: Mit einem Hankyū-Zug auf der Sakaisuji Line fahren wir zur Station Kitahama.

Von dort erreichen wir über eine Brücke die Insel Nakanoshima, die u. a. mehrere Museen, das Rathaus von Ōsaka sowie eine Niederlassung der japanischen Zentralbank beherbergt.

Bild 1-35: Blick auf Nakanoshima von der Südseite des Tosabori River.
Auf diesem Bild versteckt sich links hinter dem architektonisch herausstechenden (kleinen) Gebäude das Rathaus der Stadt (der lange Betonklotz mit den vielen Fenstern).

Auf der Insel befindet sich sogleich der Zugang zum Haltepunkt Naniwabashi der 2008 eröffneten unterirdischen Nakanoshima Line der Keihan Railway.

Bild 1-36: Eine Treppe mit elegant gestaltetem, aber leider etwas unpraktischem Handlauf führt zur sehr tief gelegenen Bahnstrecke.
Bild 1-37: Zug der Keihan Railway
Bild 1-38: Aushangfahrpläne sind in Japan üblicherweise als Minutenfahrplan gestaltet. Die Nakanoshima Line fährt tagsüber im 12-Minuten-Takt, zur HVZ auch öfter. Obwohl wir uns im Zentrum einer Millionenstadt befinden, gibt es auch in den Wochenendnächten keinen durchgehenden Nachtverkehr.

An der Station Watanabebashi, der vorletzten vor dem Endbahnhof Nakanoshima, steigen wir aus und kehren zurück ans Tageslicht.

Bild 1-39: Trotz der vielen und gut genutzten öffentlichen Verkehrsmittel spielt auch in Japan das Auto eine große Rolle im Stadtbild.
Aufgrund der hohen städtebaulichen Dichte winden sich manche Schnellstraßen daher in Hochlage durch die Straßenschluchten der Metropolen.
Bild 1-40: Stadthalle von Ōsaka
Bild 1-41: Thermometer mit interessanter Formgebung
Bild 1-42: Eine Hinweistafel macht auf die Städtepartnerschaft mit San Francisco aufmerksam.
Bilder 1-43 und 1-44: Am östlichen Ende schließt ein Park mit Rosengarten die Insel ab.
Bild 1-45: Nakanoshima teilt den Kyū-Yodo River in den Dōjima River (links) und den Tosabori River (rechts).

Nachdem wir nun den ganzen Tag überwiegend die moderne, urbane Seite der Stadt gesehen haben, wird es nun Zeit für unsere erste „historische“ Sehenswürdigkeit in Japan: Die Ōsaka Castle. Viele japanische Städte sind um historische Burgen herum entstanden, die teils heute noch erhalten sind oder nach Kriegsschäden wiederaufgebaut wurden. In Städten ohne erhaltene bzw. rekonstruierte Burg findet sich oft eine entsprechende Ruinenstätte. Auch die Burg in Ōsaka ist ein Nachbau aus dem Jahr 1997, nachdem das originale Gebäude aus dem 16. Jahrhundert bereits nach wenigen Jahren einem Krieg zum Opfer fiel und die Burg zuletzt 1945 durch die Alliierten im 2. Weltkrieg zerstört wurde, da die Japaner das Gelände zur Lagerung von Waffen nutzten. Heute ist der recht junge Nachbau ein Museum, welches wir aber nicht besuchen werden, da uns eine deutlich schönere Burg am letzten Reisetag erwartet.

Bild 1-46: An vielen Stellen in Japan, z. B. hier auf dem Weg zur Ōsaka Castle, sind solche „Torii“ genannten Tore zu finden.
Sie stellen die Eingangstore zu Schreinen der Shintō-Religion dar und sollen gute Geister hineinführen.
Bild 1-47: Hauptgebäude der Ōsaka Castle

Die Ōsaka Castle hat ihren eigenen Bahnhof an der Ōsaka Loop Line. Ōsakajōkōen heißt in etwa so viel wie „Garten (Kōen) der Burg (Jō) Ōsaka“. Mit einem Nahverkehrszug der Ōsaka Loop Line kehren wir zurück zum Hauptbahnhof Ōsaka und holen dort unser Gepäck ab.

Bild 1-48: Ein Zug auf dem äußeren Gleis (Uhrzeigersinn) erreicht den Bahnhof Ōsakajōkōen. Man bedenke: In Japan herrscht Linksverkehr!
Bild 1-49: Wenig später steht der selbe Zug der Baureihe 225 abfahrbereit am Bahnsteig.
Bild 1-50: Wir nutzen einen baugleichen Zug auf dem inneren Gleis (gegen den Uhrzeigersinn).
Bild 1-51: Der 8-Wagen-Zug besteht aus einer Doppeltraktion zweier 4-Wagen-Einheiten. In der Mitte des Zuges ist ein Übergang von Wagen 4 zu Wagen 5 möglich.
Hier blicken wir in einen der deshalb recht klein gehaltenen Führerstände.

Bei Ankunft am Bahnhof Ōsaka wird noch ein weiteres Detail der Betriebsführung japanischer Eisenbahnen deutlich: Der Zweimannbetrieb! In Japan besteht die Arbeitsteilung zwischen Triebfahrzeugführer und Zugführer fort. Der Tf fährt den Zug von Bahnsteig zu Bahnsteig und der Zf bedient zentral die Türen, überwacht den Fahrgastwechsel und erteilt den Abfahrtauftrag. Dadurch können japanische EVU im dichten Verkehr auf vielbefahrenen Strecken wertvolle Sekunden bei der Abfertigung des Zuges sparen.

Bild 1-52: Der Zf unseres Zuges überprüft, ob der Fahrgastwechsel abgeschlossen ist, um anschließend die Türen zu schließen und den Abfahrauftrag (einen Buzzer, der dann beim Tf ertönt) zu erteilen. Die hintere Einheit ist übrigens eine der Baureihe 223, die in Mischtraktion mit dem führenden 225 verkehrt.
Bild 1-53: Fahrgastaufkommen am Bahnsteig der Ōsaka Loop Line zur HVZ gegen 18:30. Die Bodenmarkierungen zeigen die Bereiche, in denen wartende Fahrgäste sich in Warteschlangen einreihen. An diesem Bahnsteig sind davon mehrere pro Tür erforderlich, da hier neben den Local-Zügen der Ringlinie auch Rapid-Züge zu verschiedenen Zielen verkehren. Der Bereich in der Bahnsteigmitte ist zum Räumen des Bahnsteigs gedacht.

Am Busbahnhof hole ich mein Gepäck aus dem Schließfach. Das geht wiederum sehr schnell und einfach: IC-Card an das Terminal halten und das Schließfach auf dem Display auswählen. Schon haben wir das Gepäck zurück und erreichen ca. 10 Minuten später unser Hotel. Das Hotel ist direkt an die unterirdische Passage um den Bahnhof Ōsaka angeschlossen, die sich in diesem Abschnitt „Whity Umeda“ nennt. Umeda ist der Stadtteil, in dem sich das Hotel und der Bahnhof befinden. Um einen nicht unerheblichen Geldbetrag an der Rezeption erleichtert betreten wir nach einem langen Tag gegen 18:30 das Zimmer, welches wir die nächsten 15 Nächte lang bewohnen werden.

Bild 1-54: Ausblick aus dem Hotelzimmer im 11. Stock auf einen Betonklotz, ein Riesenrad und eine Schnellstraße. Immerhin hat das Zimmer ein Fenster – in dieser Gegend keine Selbstverständlichkeit!

Das Zimmer ist mit rund 12 Quadratmetern für deutsche Verhältnisse recht klein. In Anbetracht des Platzmangels in japanischen Städten sind solche Umstände dort aber nicht ungewöhnlich und das Zimmer ist trotzdem voll ausgestattet – für meinen Teil sogar etwas zu…

Bild 1-55: Hilfe, die Toilette steht unter Strom und hat ganz viele Knöpfe! Will ich wissen, wofür die Tasten „Front“ und „Rear“ gut sind…

Tatsächlich waren die japanischen Heimtoiletten der größte Kulturschock. Die Toilette ist über ein Kabel an eine Wandsteckdose angeschlossen. Beim Hinsetzen kommt zur Begrüßung erst einmal ein kleiner Luftzug von unten. Anschließend beginnt die Sitzheizung (!) warm zu werden. Das Spülen wird ebenfalls automatisch aktiviert, sobald man aufsteht. Darüber hinaus gibt es noch viele interessante Knöpfe auf einer Steuerungsleiste (Bild 1-55), die ich mich zwar nicht zu nutzen traue, die aber jemandem, der damit vertraut ist, möglicherweise eine komfortablere Nutzung ermöglichen. Für mich hätte es dieses High-Tech-Örtchen nicht gebraucht, aber trotzdem eine lustige Erfahrung.

Da mir das Essen aus dem Flugzeug noch etwas im Magen liegt, benötige ich zu Abend nicht viel und versorge mich in einem umliegenden Lebensmittelgeschäft, das in Japan als „Konbini“ bzw. Convenience Store bezeichnet wird. In großen Städten gibt es von den drei großen Ketten (7Eleven, FamilyMart und Lawson) eine Filiale an fast jeder Straßenecke. Das besondere an den Läden ist, dass man praktisch nichts braucht, um ein fertiges Essen zu erhalten. Abgepackte Fertiggerichte können vor Ort in Mikrowellen erwärmt werden (je nach Markt durch das Personal oder den Kunden selbst) und Besteck sowie Servietten werden kostenlos an der Kasse ausgegeben. Leider zeigt sich in den Convenience Stores aber auch eine der größten Schattenseiten Japans: Der Verpackungswahn!

Bild 1-56: Jede Banane ist hier einzeln verpackt.

In Japan hat man keine große Scheu vor Plastikmüll. Lebensmittel, Besteck (egal ob Stäbchen oder westliches Besteck) und Reinigungstücher sind oft einzeln in Plastik verpackt. Selbst in Fast-Food-Restaurants, die hierzulande kleinere To-Go-Bestellungen in Papiertüten ausgeben, ist diese Papiertüte manchmal noch in eine größere Plastiktüte verpackt. Ich kann verstehen, woher das Bedürfnis nach einer umfangreichen Verpackung kommt, ist Reinheit und die Achtung der Hygiene in Japan doch hoch angesehen. Aber meines Erachtens gibt es da der Umwelt zur Liebe noch Einspar- bzw. Innovationspotential.

Nach dem Essen falle ich dann auch schon bald ins Bett. Der Jetlag setzte mir über den Tag weniger zu als erwartet. Obwohl ich die letzte Nacht quasi durch gemacht habe, konnte ich wohl auch durch die viele Bewegung problemlos bis ca. 21:00 Ortszeit durchhalten. Zu dieser Zeit – in Deutschland wäre es jetzt 12:00 – ist es in Japan schon seit 2 Stunden dunkel. Umso ungewohnter nun zu Bett zu gehen. Sorgen über den Rhythmus verschiebe ich aber getrost auf den nächsten Tag, an dem der Besuch der Weltausstellung bevorsteht.

Weiter zu Tag 2