Tag 15 / 16

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Unser vorletzter Reisetag in Japan bricht an und mit ihm eine neue Woche. An diesem Montag möchten wir dem Trubel der Großstadt noch einmal entfliehen und mit dem Zug ins Grüne hinaus fahren. Wir reisen heute in zwei kleinere Gemeinden im Kii-Gebirge, die über private Bahnstrecken an das landesweite Eisenbahnnetz angeschlossen sind.

Die erste Fahrt in die Gemeinde Kōya wird von der Nankai Railway angeboten, die bereits an Tag 1 zur Anreise vom Flughafen nach Ōsaka genutzt haben. An der nahen Station Umeda besteigen wir die Ōsaka Metro Midōsuji Line zur Fahrt nach Namba, dem Endbahnhof der Nankai Railway. Das Problem in diesem Fall: An einem Montagmorgen gegen 8:00 ist der Ansturm auf die Metro so groß, dass trotz einer Zugfolgezeit von 2 Minuten nicht alle wartenden Fahrgäste durch den jeweils ankommenden Zug aufgenommen werden können! Wir reihen uns daher in die Warteschlange am Bahnsteig ein und rücken nach dem ersten Zug bis auf Position 3 vor. Damit kommen wir garantiert mit dem zweiten Zug mit, der sich allerdings erwartungsgemäß bis an die Belastungsgrenze füllt. Die medial aus Japan in Europa bekannten „U-Bahn-Drücker“ (jap. „oshiya“) – also Stationshelfer mit weißen Handschuhen, die Fahrgäste so lange in den Wagen drücken, bis die Türen zu gehen – gibt es zumindest außerhalb der Metropolregion Tōkyō nicht bzw. nicht mehr. Die Fahrgäste erkennen i. d. R. von sich aus, wann der Zug voll ist und sie lieber auf den nächsten warten sollten. Zudem werden zurückbleibende Fahrgäste meist bereits durch den nächsten Zug aufgenommen, sodass die Wartezeiten in Anbetracht der dichten Takte sehr kurz sind. Letztlich wird es so in den Zügen auch nicht voller als in der Berliner S 3 / S 9 eine halbe Stunde vor Einlassbeginn der InnoTrans 😉

Bild 15-1: Am Bahnhof Namba wartet ein Triebwagen der Nankai Baureihe 30000 als Limited Express Kōya 1 zur Fahrt in die Berge.

Der Kōya befährt die Nankai Kōya Line auf ganzer Strecke von Namba bis Endbahnhof Gokurakubashi. Die Kōya Line verläuft auf den ersten Kilometern parallel bzw. nahe zur Nankai Main Line und zweigt ab dem Vorort Sakai in den Südosten des Großraums Ōsaka ab. Durch den Kimi-Tunnel quert der Zug den Kimitōge-Pass und damit den Gebirgszug, der die Metropolregion Ōsaka vom Tal des Kinokawa trennt. Der Kinokawa fließt, wie an Tag 7 bereits angesprochen, entlang einer tektonischen Verwerfung, welche die Kii-Halbinsel aus dem Weltraum gut sichtbar in Nord und Süd teilt. Die Kōya Line steigt nach dem Bahnhof Kimitōge in das Flusstal ab und erreicht dort den Umsteigebahnhof Hashimoto, an dem Fahrgäste zur Wakayama Line der JR West wechseln können.

Bild 15-2: Kurz nach der Abfahrt aus Hashimoto quert die Strecke den Kinokawa River.

Von hier an wandelt sich die bis dahin eher flache zweigleisige Hauptstrecke zu einer eingleisigen Bergstrecke. Auf den folgenden 20 Kilometern fährt der Kōya über eine aufwändig trassierte Steilstrecke mit Steigungen bis 50 Promille, engen Radien, zahlreichen Tunneln sowie vielen Brücken und Viadukten tief in das Kii-Gebirge hinein. Von der Flussebene auf ca. 90 m ü. N. N. klettert unser Limited Express langsam hinauf bis auf ca. 540 m ü. N. N.

Bilder 15-3 – 15-5: Ausblicke von der (zu dieser Jahreszeit sehr zugewachsenen) Steilstrecke.
Bild 15-6: Nach rund 90 Minuten endet die Fahrt pünktlich um 10:07 am Bahnhof Gokurakubashi auf 539 m ü. N. N. Der Höhenunterschied ist draußen auch deutlich zu spüren, denn statt der schwülen 25 Grad in Ōsaka sind es hier im Gebirge nur noch frische 12 Grad.
Bild 15-7: Der Bahnhof Gokurakubashi („Paradiesbrücke“) befindet sich beschaulich mitten im Wald.

Gokurakubashi ist ein Umsteigebahnhof, denn die Fahrt nach Kōya ist hier noch lange nicht zu Ende. Kōyasan, der „Berg“ um den zentralen Tempel Kongōbuji, liegt auf ca. 830 m ü. N. N. Die fehlende Höhendifferenz überwindet eine Standseilbahn, die Reisende vom Umsteigepunkt Gokurakubashi zum eigentlichen Bahnhof Kōyasan befördert. Deshalb ist der Umsteigebahnhof mit gerade einmal 60 Einsteigern pro Tag (im Vergleich zu über 2.000 Umsteigern) nur über einen kleinen Feldweg an das Straßennetz angebunden. Die Standseilbahn unterliegt dem Eisenbahntarif der Nankai Railway. Es ist somit möglich, durchgehende Fahrkarten von der Nankai Railway zum Nankai Cable Car zu lösen. Der Kauf einer Fahrkarte für die Kombination aus reservierungspflichtigem Limited Express und Standseilbahn am Automaten ist jedoch etwas umständlich:

  1. Verbindung bis Gokurakubashi für den Aufpreis des Limited Express suchen und Sitzplatz wählen.
  2. Im nächsten Menü die angebotene Option zum Ändern von Start oder Ziel auswählen, um eine von der Relation des Expresszuschlages abweichende Fahrstrecke anzugeben.
  3. Als Ziel der Streckenfahrkarte Kōyasan auswählen.

Immerhin ist die Menüführung des Automaten recht intuitiv und es ist überhaupt möglich, in einem Buchungs- und Bezahlvorgang die Fahrt bis Kōyasan durch zu buchen.

Bild 15-8: Nankai Cable Car in der Talstation Gokurakubashi.

Zu Beginn bin ich noch skeptisch, ob die Fahrgäste aus dem 4-Wagen-Zug von Namba alle in die zweiteilige Standseilbahn passen. Der Seilbahnwagen ist innen aber sehr geräumig, sodass der komplette Zug mit nur einer Bergfahrt aufgenommen werden kann. Im Fall von Zurückbleibern würde die Standseilbahn wenige Minute später eine Sonderfahrt einlegen. Das Nankai Cable Car überwindet auf rund 800 Streckenmetern eine Höhendifferenz von 328 m und bringt uns so bis auf 867 m ü. N. N. An der Bergstation Kōyasan müssen Reisende erneut umsteigen.

Bild 15-9: Die Weiterfahrt in den Ort Kōyasan erfolgt mit Linienbussen, die ebenfalls von der Nankai Railway betrieben werden.

Der Bahnhof Kōyasan liegt rund 2 Kilometer nördlich der Ortschaft abermals mitten im Wald. Über eine kurvige Bergstraße, die noch eine weitere Passhöhe auf ca. 920 m ü. N. N. quert, ist der Bahnhof an die tiefer liegende Landstraße angebunden. Leider ist die Straße für Fußgänger gesperrt. Die meisten Reisenden der Standseilbahn nutzen für den Transfer in den Ort deshalb den Bus, der nicht dem Eisenbahntarif der Nankai Railway unterliegt. Eine Durchtarifierung mit der Zugfahrt von Ōsaka und / oder der Standseilbahn ist also nicht möglich. Dafür werden im Bus IC-Cards anerkannt. Abermals wird die Gefäßgröße nun kleiner, sodass pro Fahrt bei Bedarf mehrere Busse eingesetzt werden. In unserem Fall steht der Bus nach Kōyasan um 10:29 im Fahrplan. Wir nehmen im ersten Bus Platz, der nach der Ankunft der Standseilbahn schon bereit steht. Um 10:27 ist der Bus bereits voll, sodass der Fahrer vor Plan abfährt. Ein anderer Fahrer, der auf diesen Fall schon gewartet hat, fährt mit seinem Bus an die Abfahrtsposition vor, um die regulären Fahrlage der Linie 42 zu übernehmen. So kommen letztlich alle Fahrgäste aus dem Zug pünktlich ans Ziel.

Bild 15-10: Am Daimon, dem großen Tor zur Siedlung Kōyasan sowie der ersten Haltestelle im Ort, steigen wir zwei Stunden nach der Abfahrt in Ōsaka aus dem Bus. Der Busfahrer hat übrigens während der gesamten Fahrt ununterbrochen Informationen zum Ort und der Umgebung per Lautsprecher bekannt gegeben (natürlich auf Japanisch ;).

Kōyasan, also Mount Kōya, ist im topografischen Sinne kein Berg. Wir befinden uns im Ort auf 830 m ü. N. N., während das umgebende Gelände uns um bis zu 100 Höhenmeter überragt – also eigentlich fast schon im Tal. Die Bezeichnung „Kōyasan“ geht statt dessen auf den Tempel Kongōbuji zurück, der die Mitte der um ihn herum entstandenen Siedlung bildet. Buddhistische Tempel tragen oft auch in Tallage die Bezeichnung „Berg“, um deren spirituelle Bedeutung zu verdeutlichen. So ist „Kōyasan“ der Beiname des Kongōbuji. Seit 1889 wird der Name „Kōya“ auch für die Siedlung verwendet, die sich um den Tempel herum gebildet hat, sodass Kōyasan heute in der Gemeinde Kōya liegt. Kōya ist für manche Strömungen des Buddhismus ein wichtiger Wallfahrtsort und lebt entsprechend überwiegend vom Pilgertourismus sowie vom Verkauf von Devotionalien.

Bild 15-11: Das Chūmon (zentrale Tor), das wie eine kleinere Version des Daimon wirkt, markiert den Eingang zu den Hauptanlagen des Kongōbuji, die kostenfrei öffentlich zugänglich sind. Formell erstreckt sich der Tempel über zahlreiche kleine Untertempel, die sich über die gesamte Umgebung verstreuen.
Bild 15-12: Konpon Daitō. Die große Pagode markiert das Zentrum von Kōya.
Bild 15-13: Daitō no kane (Glocke des großen Turms – gemeint ist damit die große Pagode aus Bild 15-12)
Bild 15-14: Chōzuya, ein Reinigungstrog. Gläubige können hier vor dem Betreten der wichtigsten Anlagen des Tempels eine rituelle Reinigung durchführen.
Bild 15-15: Haupthalle des Kongōbuji
Bild 15-16: Wie so oft in Japan finden sich auch hier Stätten der beiden Hauptreligionen des Landes nahe beieinander. Vor dem buddhistischen Tempel liegt auf einer Insel in diesem Teich ein kleiner Shintō-Schrein.

Zur Weiterreise nutzen wir, auch in Ermangelung sinnvoller Alternativen, die selbe Reisekette, die uns bereits hierher geführt hat, beginnend mit einer Busfahrt zum Bahnhof Kōyasan.

Bild 15-17: Der Bus bietet ein gutes Beispiel zur Erläuterung des Tarifsystems in japanischen Regionalbussen und „wanman“-Zügen.

Wer im Bus keine IC-Card nutzen möchte, zieht beim Einstieg ein „numbered ticket“. Dieser Fahrschein enthält als Aufdruck nur eine Zahl, die der Position der Einstiegshaltestelle in der Perlschnur der Fahrt entspricht. Die Fahrkarte weist also lediglich nach, an welcher Haltestelle der Fahrgast eingestiegen ist. Während der Fahrt wird auf einem Bildschirm eine Tabelle angezeigt, die einmal (hier in blau) diese Haltestellennummern darstellt und darunter (hier in orange) zugehörige Preise. Der angeschriebene Preis wird fällig, wenn der Fahrgast an der nächsten Haltestelle aussteigen möchte. Ein Fahrgast, der zu Beginn der Fahrt an Haltestelle Nr. 0 zugestiegen ist, zahlt also beim Ausstieg 320 Yen (2,00 €), wenn er den Bus an der Haltestelle Kondōmae verlässt. Im Laufe der Fahrt steigen die Fahrpreise immer weiter an und nach jedem weiteren Halt füllt sich ein neues Feld.

Bild 15-18: Vollständige Preistafel kurz vor der Endhaltestelle Kōyasan Station.

Inzwischen hat der Bus alle 9 Einstiegshaltestellen im Ort passiert und fährt über die Bergstraße dem Bahnhof entgegen. Der Preis für Fahrgäste, die seit Haltestelle Nr. 0 an Bord waren, beträgt nun nicht mehr 320 Yen, sondern 610 Yen (3,80 €). Wir sind an der Haltestelle Nr. 3 (Kongōbuji) eingestiegen, sodass unserer ICOCA beim Ausstieg gemäß Preistafel 460 Yen (2,90 €) abgezogen werden. Die angeschriebenen Preise gelten selbstverständlich auch bei Nutzung einer IC-Card 😉

Der Bus der Linie 41 soll den Bahnhof Kōyasan planmäßig um 11:48 erreichen, 5 Minuten vor Abfahrt der nächsten Standseilbahn. Tatsächlich ist im Fahrplan zwischen den Haltestellen Daimon und Kōyasan Station eine großzügige Fahrzeitreserve von rund 6 Minuten verplant. Da der Bus gut durch kommt und ohnehin 2 Minuten vor Plan im Ort losgefahren war (es handelt sich um einen zum Bahnhof zurückkehrenden Verstärker), sind wir bereits 10 Minuten früher als geplant um 11:38 am Bahnhof.

Bild 15-19: Der Verstärker der Linie 41 kommt überpünktlich am Bahnhof Kōyasan an.
Bild 15-20: Bahnhofsgebäude von Kōyasan
Bild 15-21: Im ersten Stock befindet sich eine kleine Aussichtsterrasse, von der Besucher bis in das Tal des Kinokawa blicken können.

Dem Fahrkartenautomaten entlocken wir noch schnell eine kombinierte Fahrkarte für die Standseilbahn und die Eisenbahn bis zum Umsteigebahnhof Hashimoto und dann geht es wieder abwärts. Es sei an dieser Stelle aber darauf hingewiesen, dass für die Standseilbahn und den Kombitarif zur Eisenbahn auch die IC-Card genutzt werden kann.

Bild 15-22: Der andere (Doppel-)Wagen der Standseilbahn fährt in die Bergstation ein. Der bergseitige Wagen der beiden Züge hat die Nummer 11 bzw. 12, der talseitige Wagen die Nummer 21 bzw. 22. Wie hier zu erkennen ist, wird die Standseilbahn von Hand gefahren.
Bild 15-23: Nach 5 Minuten steht der Wagen in der Talstation am Bahnhof Gokurakubashi und die Fahrgäste können zu den Zügen der Kōya Line umsteigen.
Bild 15-24: In Gokurakubashi wartet ein Limited Express der Baureihe 31000 auf Fahrgäste in Richtung Namba…
Bild 15-25: …für uns reicht allerdings auch der vorausfahrende Local nach Hashimoto.

Der Zweiteiler der Baureihe 2300 fährt nur auf dem Abschnitt der Bergstrecke von Gokurakubashi hinunter zum Umsteigebahnhof Hashimoto. Über die gesamte Fahrt bleibt der Local recht leer. Als Grundangebot auf der Bergstrecke bedient der Zug aber im Gegensatz zum Limited Express noch einige Stationen unterwegs, die teils (ebenso wie Gokurakubashi) recht entlegen im Wald liegen.

Bild 15-26: Japanisch-Schweizerische Partnerschaft 🙂
Bild 15-27: Beim Höhenprofil kann die Nankai Railway allerdings kaum mit der Chemin de fer Montreux Oberland bernois mithalten 😉 Der große Sprung am Anfang der Grafik ist die Standseilbahn von der Bergstation Kōyasan zum Bahnhof Gokurakubashi.
Bild 15-28: Tatsächlich ist die Aussicht von der Kōya Line nicht so spannend wie eine Fahrt durch die Schweizer Alpen – trotzdem bietet auch diese Strecke einige nette Ausblicke 😉
Bild 15-29: Bei dieser Straße bekommt der Begriff „Schlangenlinien fahren“ eine neue Bedeutung 😉
Bild 15-30: Um 12:44 kommt der Local im Bahnhof Hashimoto an.
Bild 15-31: Reisende in Richtung Ōsaka (Namba) müssen hier auf einen Express umsteigen, der für die Vorortstrecke eine deutlich höhere Kapazität bietet. Das Fahrzeug, ein Triebwagen der Baureihe 6000, ist nach rund 60 Dienstjahren (wieder) im Retro-Design gehalten, das dem Auslieferungszustand der 1960er-Jahre nachempfunden ist.

In Hashimoto trifft die Nankai Kōya Line auf die Wakayama Line von JR West. Die JR-Strecke zweigt am Bahnhof Ōji zwischen Ōsaka und Nara von der Kansai Main Line ab. An Tag 12 sind wir mit einem Sub-Rapid dort vorbei gekommen. Die Wakayama Line führt dann in die Nähe der Stadt Kashihara, die wir am Vortag besucht haben, und trifft in Takada auf die Sakurai Line (mit der wir ebenfalls an Tag 14 gefahren sind). Nach einer kurzen Gebirgsquerung folgt die Wakayama Line ab der Stadt Gojō dem Kinokawa River bis zu dessen Mündung in die Seto-Inlandsee in der Stadt Wakayama. Wir nutzen die Strecke heute zur Weiterfahrt in Richtung unseres zweiten Tagesziels, dem Bergdorf Yoshino.

Bild 15-32: Auf der Wakayama Line verkehren zweiteilige Triebwagen der Baureihe 227 im „wanman“-Betrieb. Die Fahrscheinkontrolle erfolgt an vielen Stationen allerdings stationär, so auch in Hashimoto. Der Umstieg zwischen Nankai und JR ist hier sehr einfach, da die separaten Bahnsteige beider Gesellschaften jeweils über eigene Bahnsteigsperren verfügen.

Die Züge der Wakayama Line verkehren zwischen Wakayama und Takada tagsüber im Stundentakt. Die Fahrt über die 88 km lange Gesamtstrecke von Wakayama über Hashimoto, Gojō und Takada nach Ōji dauert wegen mehrerer planmäßiger Standzeiten rund 2,5 Stunden. Unser Zug erreicht Hashimoto um 12:57, fährt allerdings erst um 13:07 weiter. Nach 3 Zwischenhalten kommt der Local um 13:21 im 10 km entfernten Gojō an und warten dort bis 13:30 auf die Kreuzung mit dem Gegenzug. Wiederum 10 km und einen Zwischenhalt später erreichen wir um 13:42 den Bahnhof Yoshinoguchi und verlassen den Zug zum Umstieg auf die Privatbahn Kintetsu. Eilig hat es der JR-Zug aber auch dort nicht, denn erst um 13:50 geht die Fahrt Richtung Ōji nach der nächsten Zugkreuzung weiter. Zwischen 13:00 und 14:00 schafft es der Local so auf gerade einmal 28 km, obwohl die Nebenbahn eigentlich gut ausgebaut ist und viele Kreuzungsmöglichkeiten bietet.

Bild 15-33: Der Local der Wakayama Line wartet in Yoshinoguchi auf den im Hintergrund gerade einfahrenden Gegenzug.

Yoshinoguchi, also wörtlich etwa „Zugang zu Yoshino“, ist der Umsteigepunkt zwischen der JR West Wakayama Line und der Kintetsu Yoshino Line. Hier ist der Umstieg zwischen beiden Unternehmen wieder etwas umständlicher. Wie am Vortag in Iseshi teilen sich JR West und Kintetsu die Unterführung sowie den einzigen Zugang zum Bahnhof über das Empfangsgebäude. Dort ist der Stationswärter für die Fahrscheinkontrolle zuständig. Wir zeigen ihm unseren Japan Rail Pass mit der Erläuterung, dass wir gerade mit JR West aus Richtung Wakayama kommen, und kaufen uns im Vorraum am Automaten eine Kintetsu-Fahrkarte. Damit lässt er uns wieder auf der Bahnsteig und wir können unsere Reise fortsetzen. Reisende mit IC-Card haben es da einfacher, denn in der Unterführung steht ein Lesegerät zum „Umstempeln“ zwischen JR West und Kintetsu. Uns hilft das aber nicht, da wir in Hashimoto dank Japan Rail Pass nicht eingecheckt haben.

Bild 15-34: Zur Weiterfahrt auf der Yoshino Line fährt ein Zweiteiler der Kintetsu-Baureihe 6400 ein.

Die Yoshino Line gehört zum Schmalspurnetz von Kintetsu. Das Kapspurnetz umfasst die Strecke von Ōsaka nach Yoshino sowie einige Zweigstrecken. Der wesentlich größere Teil des umfangreichen Streckennetz der Kintetsu zwischen Ōsaka, Kyōto, Nagoya und der Ise-Shima-Region ist jedoch in Normalspur ausgeführt.

Bild 15-35: Vom Bahnhof Yoshinoguchi aus führt die Yoshino Line an den Yoshino River, den wasserreichsten Zufluss des Kinokawa.
Bild 15-36: Zwei Kilometer nach der Flussquerung erreicht der Zug den Endbahnhof Yoshino.

Der Ort Yoshino liegt am Fuße des Yoshinoyama (Mount Yoshino), der eigentlich keinen einzigen Gipfel, sondern eine kleine Bergregion bezeichnet. Bekannt ist der Ort für seine vielen Kirschbäume. Beim Aufstieg ins Gebirge sollen Beobachter einer Legende nach auf 4 Abschnitten insgesamt mindestens 4.000 von ihnen erspähen können. In der Blütezeit der Kirschblüte („sakura“) Ende März bzw. Anfang April zählt Yoshino daher zu einem der beliebtesten Ausflugsziele für „hanami“. Unter diesem Begriff verstehen Japaner das (gemeinsame) Betrachten von Blüten zu Erholungszwecken, wobei die Kirschblüte wohl zu den eindrucksvollsten gehört. Während der Blütezeit finden sich viele Menschen mit der Familie oder im Freundes- bzw. Kollegenkreis zusammen, um die Schönheit der in voller Blüte stehenden Bäume zu genießen. Yoshino als Ort der tausenden Kirschblütenbäume erlebt in dieser recht kurzen Jahreszeit einen regelrechten Ansturm von Touristen. Kintetsu setzt dann Sonderzüge ein, um das Reisendenaufkommen bewältigen zu können. Ganz anders verhält es sich in Yoshino außerhalb der Kirschblütensaison, aber das sehen wir gleich 😉

Bild 15-37: Der Bahnhof Yoshino liegt auf ca. 210 m ü. N. N.; die durch ihn erschlossene Ortschaft aber rund 100 m höher. Für den Aufstieg in den Ort steht deshalb eine Seilbahn bereit.
Bild 15-38: Die Gondel schwebt vom Bahnhof (unten rechts) langsam hinauf ins Dorf und passiert auf halber Strecke ihren Gegenpart. Die Vegetation unterhalb des Fahrwegs wird nicht durchgehend profilfrei zurückgeschnitten. Während der Fahrt steift die Gondel daher an manchen Stellen den ein oder anderen Zweig.

Die 1929 eröffnete Pendelbahn ist die älteste Seilbahn, die in Japan noch heute im aktiven Dienst steht. Das Fahrgastaufkommen außerhalb der Blütensaison ist allerdings recht gering – wir sind in unserer Gondel mit dem Seilbahnführer allein und talwärts sieht es ähnlich aus. Aus diesem Grund ist die Seilbahn nur von Freitag bis Montag in Betrieb; von Dienstag bis Donnerstag fährt ein Schienenersatzverkehr mit einem Pkw. 500 Yen (3,15 €) kostet die einfache Fahrt. Dafür kaufen wir an einem Fahrkartenautomaten eine Fahrkarte – die wir nach 10 Sekunden an den Seilbahnführer abgeben und somit wieder los sind.

Von der Bergstation aus bewältigen wir den weiteren Anstieg auf den Yoshinoyama entlang der Hauptstraße der Gemeinde Yoshino zu Fuß.

Bild 15-39: Ein großes steinernes Torii heißt Besucher im Ort willkommen.
Bild 15-40: Zahlreiche kleine Schreine und Tempel säumen den Weg, so wie hier der Kizō-in.
Bild 15-41: Der größte und eindrucksvollste Tempel im Ort ist aber mit Abstand der Kinpusen-ji.
Bild 15-42: Nach einem 3 Kilometer langen Anstieg von 310 m ü. N. N. an der Seilbahnstation bis auf 570 m ü. N. N. genießen wir die Aussicht auf das Bergdorf Yoshino. In Bildmitte sticht der Kinpusen-ji heraus. Während der Blütezeit wären viele Bäume nun gesäumt von rosa-weißen Kirschblüten. Im Mai steht der Wald jedoch voll im grünen Laub.

Über den gesamten Aufstieg sind wir in Summe vielleicht 20 anderen Menschen begegnet. Der Ort ist an diesem Montag außerhalb der Blütensaison nur wenig belebt – vergleichbar zu eher ländlichen Gemeinden in Deutschland. Ausländische Touristen sind unter den wenigen Menschen, denen wir hier begegnen, kaum zu finden. Die Geschäfte in der Hauptstraße sind aber trotzdem auf den Tourismus ausgelegt und bieten teilweise englischsprachige Beschilderungen (mit Erfolg, denn ich habe bis zur Rückfahrt noch Zeit und Hunger ;). Die Läden braucht es auch, denn nicht einmal das Gasthaus am Aussichtspunkt aus Bild 15-42 hat offen…

Bild 15-43: Rund eine Stunde später nähern wir uns wieder dem Kintetsu-Bahnhof und unterqueren die Seilbahn, die wir talwärts nicht benötigen. Das Schild kennzeichnet ein kleines familiengeführtes Hotel in Bahnhofsnähe.
Bild 15-44: Da ist er nun wieder, der Bahnhof von Yoshino.

Der Bahnhof, obwohl für den Saisonverkehr großzügig dimensioniert, ist außerhalb der Saison „unstaffed“. Somit ist auch hier ein freier Zugang zum Bahnsteig möglich (und rein technisch wäre es möglich gewesen, von Yoshinoguchi bis hierher ohne Fahrschein zu fahren – also eine Lücke im geschlossenen System!). Für ankommende Fahrgäste steht ein Sammelbehälter bereit, indem sie ihre entwerteten Papierfahrkarten nach der Fahrt entsorgen können.

Bild 15-45: Im Bahnhof stehen zwei Züge nach Ōsaka bereit: an Gleis 2 ein reservierungspflichtiger Limited Express und an Gleis 3 ein zuschlagsfreier Express. Die anderen beiden Gleise 1 und 4 werden für den Regelbetrieb zumindest tagsüber nicht benötigt.
Bild 15-46: Wir entscheiden uns für den Limited Express um 17:03, der dank weniger Unterwegshalten schneller in Ōsaka ankommt als der Express. Eingesetzt wird ein zweiteiliger Triebwagen der Baureihe 16000.

Der Zug verlässt Yoshino über die Yoshino Line in Richtung Ōsaka. Bis zum Bahnhof Kashiharajingūmae, an dem die Yoshino Line in die Minami-Ōsaka Line übergeht, hält der Limited Express an ca. jeder zweiten Station.

Bild 15-47: Auf der Rückfahrt queren wir erneut den Yoshino River – nun bei etwas besseren Lichtverhältnissen 😉

In Kashiharajingūmae besteht Anschluss an das Normalspurnetz von Kintetsu. Dort endet die Kashihara Line, die Umsteigemöglichkeiten in Richtung Nara und Kyōto bietet. Der Schmalspurzug fährt statt dessen weiter in Richtung Ōsaka und hält auf der Minami-Ōsaka Line noch zweimal in Takadashi und Shakudo. Nach diesem Halt fährt der Limited Express bis zum Streckenende im Kopfbahnhof Ōsaka-Abenobashi durch.

Bild 15-48: Kurz vor der Ankunft in Ōsaka-Abenobashi erkennen wir hier schon unser nächstes Ziel 🙂 Der Zug endet gleich quasi im Keller des herausstechenden Wolkenkratzers 😉
Bild 15-49: Um 18:24 erreicht der Limited Express den Bahnhof Ōsaka-Abenobashi, den Endbahnhof des Schmalspurnetzes der Kintetsu in Ōsaka. Der entgegen der Lastrichtung sehr spärlich besetzte Zug füllt sich ordentlich für die Rückfahrt nach Kashiharajingūmae zur abendlichen Hauptverkehrszeit.

Über dem Bahnhof Ōsaka-Abenobashi erstreckt sich der 300 Meter hohe Wolkenkratzer „Abeno Harukas“ (Anmerkung: japanisch korrekt wäre die Rōmaji-Schreibweise „Abeno Harukasu“. Das „u“ am Wortende wird allerdings stimmlos – also fast stumm – ausgesprochen. Daher lassen die Betreiber es in der englischen Eigenschreibweise weg). Das höchste Gebäude der Stadt beherbergt neben einem Luxushotel und vielen Büroflächen auch eine Aussichtsplattform im 60. Stock auf fast 300 Metern Höhe. Da wir im Laufe der Berichtsreihe noch nicht genug Observatorien hatten, möchten wir natürlich auch dieses nicht auslassen 😉 Mit 2.000 Yen (12,50 €) ist Abeno Harukas die teuerste Aussichtsplattform auf dieser Reise, aber gleichzeitig auch die spektakulärste 🙂

Bild 15-50: Auch hier ist der Höhenmesser im Aufzug gleich mit eingebaut. Weniger als eine Minute braucht der Aufzug vom 16. Stock auf ca. 80 m ü. N. N. bis hoch in den 60. Stock auf 288 m ü. N. N.
Bild 15-51: Höhenvergleich. Abeno Harukas bietet die dritthöchste Plattform im Land. Nur der Tōkyō Skytree bietet auf zwei Ebenen noch mehr.
Bild 15-52: Direkt unterhalb des Gebäudes befindet sich der benachbarte JR-Bahnhof Tennōji.
Bild 15-53: Ein erster Ausblick in Richtung Norden auf Ōsaka. Vorne links der Tennōji Park. Die lange Straße in der Mitte ist die Landstraße 30 der Präfektur Ōsaka. Unter ihr verläuft die Tanimachi Line der Ōsaka Metro.
Bild 15-54: Blick in Richtung Osten. Unten links der Ostkopf des Bahnhofs Tennōji. Dort verzweigen sich nach links die Ōsaka Loop Line Richtung Ōsaka über Kyōbashi, in der Mitte die Kansai Main Line in Richtung Nara und nach rechts die Hanwa Line in Richtung Wakayama (bzw. Kansai Airport). Rechts daneben verlässt die Minami-Ōsaka Line von Kintetsu ihren Endbahnhof Ōsaka-Abenobashi.
Bild 15-55: Jetzt dürfte klar werden, warum sich die 2.000 Yen gerade zu dieser Stunde lohnen: Das Wetter verspricht einen farbenfrohen Sonnenuntergang über den Dächern der Stadt 🙂

Entgegen meiner Erwartungen gibt es gegen 18:30 übrigens keine langen Schlangen am Einlass zur Aussichtsplattform. Wir müssen unten nur einmal warten, weil der erste Aufzug nach Kauf unserer Eintrittskarte schon voll ist. Oben haben wir auf der geräumigen Fläche an vielen Stellen freien Ausblick – nur nicht gen Westen, da sind die Fenster schon vor unserer Ankunft lückenlos belagert 😉

Bild 15-56: So bricht nun langsam die Nacht herein über einer Stadt, deren Struktur an der Straßenbeleuchtung noch gut erkennbar ist.
Bild 15-57: Und noch einmal schauen wir hinüber zum Tennōji Park. Inzwischen ist der Tsutenkaku (bekannt aus Bild 1-18) hell in verschiedenen Farben erleuchtet und auch sonst gehen überall in der Stadt die Lichter an.
Bild 15-58: Im Innenbereich verfügt die Aussichtsplattform über ein Café – das trotz der Lage so günstig ist, dass selbst ich mir dort etwas zu Essen leisten kann 😉

Insgesamt hat sich der Besuch an unserem letzten Abend in Ōsaka durchaus gelohnt. Ein farbenprächtiger Sonnenuntergang zum Ende des Urlaubs – was möchte man da noch mehr? Trotzdem: Einen Programmpunkt haben wir an diesem Abend noch, denn schon seit Tag 1 lacht mich dieses Riesenrad auf dem Einkaufszentrum neben unserem Hotel an, das ich jeden Tag beim Blick aus dem Fenster (z. B. in Bild 1-54) sehe. So bildet bei dann schon vollständiger Dunkelheit das Riesenrad den finalen Abschluss des Reisetages.

Bild 15-59: Nach dem Besuch in Abeno Harukas steigen wir am benachbarten Bahnhof Tennōji in einen Rapid der Ōsaka Loop Line und fahren damit zurück zum Bahnhof Ōsaka.

Das Riesenrad steht auf dem Dach des Einkaufszentrums HEP FIVE. Falls man sich auskennt, ist das Einkaufszentrum vom Bahnhof aus über die unterirdische Passage in rund 10 Minuten erreichbar. Nach einigen Rolltreppen finden wir im 7. Stock einen Automaten, der uns gegen den Einwurf von 800 Yen (5,00 €) eine Eintrittskarte ausstellt. Damit kann die 15-minütige „Rundfahrt“ beginnen.

Bild 15-60: Riesenrad auf dem Dach des HEP FIVE
Bild 15-61: Das Riesenrad bietet einen guten Ausblick auf die westliche Einfahrt des Bahnhofs Ōsaka. Das Gebäude rechts gehört der privaten Hankyū Railway.
Bild 15-62: Blick am Zenit durch die Hochhausschluchten der Stadt.
Bild 15-63: Und schließlich noch ein Ausblick in Richtung der Schnellstraße 423 nach Osten (leider mit Belichtungsproblemen wegen der grellen Werbetafel).

Mit diesen Eindrücken beenden wir den vorletzten Reisetag, kehren in unser Hotelzimmer zurück und packen langsam die Sachen zusammen, denn am nächsten Tag werden wir Ōsaka nach 15 Übernachtungen schweren Herzens verlassen. Der letzte Reisetag hat es dennoch einmal mehr in sich: Shinkansen, Privatbahnen und Monorail erwarten uns. Einerseits löse ich das noch ausstehende Versprechen aus Teil 1 ein und andererseits beenden wir die Reise dem Leitmotiv, für das wir hier her gekommen sind: Der Weltausstellung EXPO!

Fortsetzung folgt…